Leben & Alltag

Rückzug ist keine Lösung. Was man gegen Einsamkeit im Alter tun kann.

Olaf Rosendahl kümmert sich im Auftrag der Agaplesion Markus Diakonie am Mühlberg um alte Menschen, die nur noch wenig soziale Kontakte haben. Der Alterspädagoge hat eine ganze Reihe von Tipps, was Betroffene tun können, um nicht in eine depressive Abwärtsspirale zu geraten. 

Olaf Rosendahl will am Mühlberg mehr Vernetzung und Begegnungsmöglichkeiten für ältere Menschen schaffen, die nicht länger einsam sein wollen. | Foto: Doris Stickler
Olaf Rosendahl will am Mühlberg mehr Vernetzung und Begegnungsmöglichkeiten für ältere Menschen schaffen, die nicht länger einsam sein wollen. | Foto: Doris Stickler

Was die Wohnqualität anbelangt, weist der Frankfurter Mühlberg etliche Pluspunkte auf. Die Straßen sind von Gärten und Bäumen gesäumt, der Autoverkehr hält sich in Grenzen, die Hanglage gewährt einen Panoramablick auf die Stadt. Das Idyll hat allerdings auch eine Schattenseite: Die Infrastruktur tendiert gegen Null. Davon sind besonders ältere Menschen betroffen, die weder Einkaufsmöglichkeiten noch Orte zum Treffen finden. Dabei ist ihr Anteil an der Bevölkerung gerade in diesem Viertel überdurchschnittlich hoch.

Olaf Rosendahl von der Agaplesion Markus-Diakonie verzeichnet hier denn auch eine wachsende Alterseinsamkeit. „Witwenstraßen“ nennt der Sozialbetriebswirt jene Gegenden, in denen überwiegend Frauen alleine in großen Häusern leben und kaum mehr Kontakte nach außen pflegen. Seit Anfang des Jahres ist Rosendahl im Oberin-Martha-Keller-Haus, einem Altenpflegeheim der Diakonie, stationiert und mit dem „Mühlbergmanagement“ betraut. Vor allem lotet er Maßnahmen gegen Vereinsamung aus.

„Wann und ob sich jemand einsam fühlt ist von Person zu Person sehr verschieden“, sagt Rosendahl. Für manche sei es eine Leere im Leben, die sich mit einer Aufgabe oder einem Hobby aber meist schnell vertreiben lässt. Andere empfänden Einsamkeit als „schmerzhaften Zustand, dem man nicht entfliehen kann“. Bei ihnen sei in der Regel auch ein grundlegendes Gefühl von Schutz und Geborgenheit verloren gegangen.

Doch für alle Fälle steht für den Alterspädagogen fest: „Bei Einsamkeit im Alter ist Rückzug keine Lösung.“ So war auch ein Vortrag überschrieben, in dem er neben generellen Betrachtungen handfeste Tipps erteilte. Da letztlich nur die Betroffenen selbst der Einsamkeit entgegentreten können, sei es hilfreich, in einem ersten Schritt die eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten zu analysieren. Möglichkeiten, aktiv zu werden, gebe es ja viele: Gedichte schreiben, Leihoma werden, nochmal studieren, sich in einer Kirchengemeinde oder gemeinnützigen Einrichtung engagieren.

Aber was macht man, wenn man eher kontaktscheu ist? Nicht alle wollen ja unbedingt neue Leute kennenlernen. Ein anderes Gegenmittel gegen Einsamkeit sei auch ein gelegentlicher Kino- oder Konzertbesuch. Der sorge für das, was Rosendahl „Karnickelgefühl“ nennt: Man ist dabei und fühlt sich wohl, ohne sich groß mit anderen auszutauschen zu müssen.

Oft finden vereinsamte Menschen aber Ausreden dafür, in ihrer Situation zu verharren: „Das lohnt sich für mich nicht mehr“, sagen sie zum Beispiel, „Das bringt doch nichts“ oder „Mein Leben ist sowieso gelaufen“. Und tatsächlich nimmt ja im Alter oft die Mobilität ab, werden gewohnte Aktivitäten durch den Verlust von Partnern oder Freundinnen beendet. Das heißt aber nicht, dass gar nichts mehr möglich wäre: Man kann immer noch Leute anrufen oder Besuchsdienste in Anspruch zu nehmen. Vielleicht eine Untermieterin suchen oder einen Hund anschaffen – wer mit Hund unterwegs ist, so ein Tipp, kommt leichter mit anderen ins Gespräch.

Wobei man ein gewisses Maß an Abgeschiedenheit im positiven Sinn durchaus akzeptieren kann, sagt der Experte. Aber bevor man sich in Alkohol, Fernsehen und Grübeleien flüchtet und am Ende vielleicht sogar depressiv wird, sollte man gegensteuern. Denn sonst besteht die Gefahr, in einen Teufelskreis abzugleiten, der soziale Kontakte immer schwerer macht. Manche einsamen Menschen werden nämlich sonderbar, denken nur noch an sich selbst, verhalten sich zynisch oder destruktiv. Das hilft natürlich nicht dabei, neue Menschen kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen.

Am Mühlberg will Olaf Rosendahl nun ein entsprechendes Netzwerk aufbauen und treibt im Oberin-Martha-Keller-Haus die Einrichtung eines Cafés und eines Samstagsfrühstücks voran. Damit es hier in Zukunft noch weniger Ausreden gibt, sich in der eigenen Einsamkeit einzuigeln. 


Schlagwörter

Autorin

Doris Stickler 37 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

1 Kommentar

10. September 2018 14:44 Gerhard Pfahl (Gemeindepädagoge

Warum will Herr Rosendahl am Mühlberg ein eigenes Netzwerk für die Arbeit mit diesem Klientel aufbauen? Meines Wissens gibt es da bereits gut vernetzte Strukturen, in die z.B. auch der existierende gemeindepädagogische Dienst des ERV für die Seniorenarbeit in diesem Stadtteil eingebunden ist. Besser wäre es doch, sich einfach bescheiden als der "Neue im Verein" dort einzubringen. Wer neue Netze knüpft, wo die alten noch arbeitsfähig sind ist nicht nur uneffektiv sondern in meinen Augen auch eher verdächtig, ausschließlich sein eigenes Süppchen kochen zu wollen.

Artikel kommentieren

Lebhafte Diskussionen sind interessant, können aber manchmal die Gemüter erhitzen. Bitte achten Sie auf einen angenehmen Umgangston und vermeiden Sie verbale Angriffe auf andere Kommentatoren. Die Redaktion behält sich vor, unangebrachte Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.