Leben & Alltag

Stehauf-Leutchen: Auch widrige Umstände können sie nicht umwerfen.

Manche Menschen werden von jeder Krise schlimm gebeutelt, andere hingegen sind wie Stehauf-Leutchen, und kein Problem kann sie umwerfen. Warum ist das so? Die Antwort ist gar nicht so einfach.

Illustration: Felix Volpp
Illustration: Felix Volpp

Corona trifft uns alle, aber nicht alle gleichermaßen. Manche sitzen mit festem Einkommen im Homeoffice, andere haben finanzielle Sorgen oder müssen sich täglich einem Infektionsrisiko aussetzen.

Doch es sind nicht nur die objektiven Umstände, weshalb manche Menschen besser als andere durch Krisen kommen. Es gibt auch individuelle Faktoren. „Resilienz“ nennt man in der Sozialforschung die Fähigkeit, sich durch widrige Umstände und Ereignisse nicht aus der Bahn werfen zu lassen.

Dazu gehört vor allem, sich als aktiv handelnde Person wahrzunehmen und nicht als den Verhältnissen passiv ausgeliefert. Rebecca Aslan zum Beispiel hat die Corona-Pandemie zum Anlass genommen, ihren Lebensentwurf zu überdenken. Die Justiziarin lebt mit Mann und zwei Kindern im Frankfurter Nordend, vor der Pandemie waren zwei Vollzeitjobs und zwei Kinder unter einen Hut zu bringen. Inzwischen genießt es die Familie, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Beide Eltern möchten perspektivisch in Zukunft weniger arbeiten. „Wir brauchen nicht alle Optionen, um glücklich zu sein“, sagt Aslan.

Dass es die Beziehungen sind, die ein gutes Leben ausmachen, sei eine Erfahrung, die ihre Herkunftsfamilie ihr mitgegeben hat – die gebürtige Afghanin ist mit mehreren Geschwistern aufgewachsen. „Die Frage ist ja, wie viel Zeit bleibt uns noch, und mit wem möchten wir sie verbringen?“ Die Coronakrise habe sie aufmerksamer gemacht, großzügiger und toleranter – aber auch entschiedener.

Sicher, das mit dem „Downsizing“ muss man sich finanziell erst einmal leisten können, doch es gibt andere Familien in ähnlich privilegierter Lage, die trotzdem nicht so gut zurechtkommen. Warum ist die Krisenfestigkeit bei einen so und den anderen so ausgeprägt? Die Theologieprofessorin Cornelia Richter von der Universität Bonn forscht zusammen mit einer interdisziplinären Forschungsgruppe über den Zusammenhang von Resilienz und Spiritualität. Sie warnt davor, Krisen-Robustheit als etwas uneingeschränkt Positives anzusehen. „Resilienz bedeutet nicht unbedingt, dass man ein sozial kompetentes, empathiefähiges Wesen ist.“ Ganz im Gegenteil: Resilienz ist auch eine herausstechende Eigenschaft von Diktatoren.

Sich einfach nur ein dickes Fell zuzulegen, ist also keine gute Idee. Eher geht es darum, Zusammenhänge zu verstehen. Es kann vorkommen, dass ein und dieselbe Person den Tod eines nahestehenden Menschen vergleichsweise gut verkraftet, aber trotzdem ein paar Jahre später von einer Kleinigkeit völlig aus der Bahn geworfen wird. Skeptisch ist Claudia Richter deshalb auch gegenüber dem Bemühen, die Menschen „resilienter“ machen zu wollen, wie es seit einiger Zeit etwa bei Arbeitgebern oder auch in der Kleinkinder-Pädagogik beliebt ist. „Die Suche nach Resilienz ist immer ein Krisenphänomen“, sagt Richter. Wäre die Welt gut und menschenfreundlich eingerichtet, müssten wir nicht dauernd unsere Widerstandsfähigkeit trainieren.

Die pensionierte Lehrerin Gisa Luu, die mit ihrem Mann am Frankfurter Stadtrand lebt, bemüht sich angesichts der Corona-Krise um eine Balance. „Bei mir hat sich voriges Frühjahr eine Art innerer Schalter eingerichtet. Ich kann mich riesig – fast wie früher als Kind – freuen über alles, was trotz Corona möglich ist. Alles Mangelbehaftete oder Unvollkommene hingegen bekommt keine Aufmerksamkeit mehr von mir, also eine Art aufblühende Fehlertoleranz.“ Doch das, betont Luu, gelte nur für den privaten Bereich, „nicht im Blick auf die politischen Zusammenhänge und das schreiend Ungerechte wie die Abstoßung geflüchteter Menschen an den EU-Grenzen, wie die Klinik-Privatisierungen, wie die ungerechten Löhne, die Militarisierungen und der Waffenexport.“

Im Grunde geht es vielleicht darum, ein Paradox zu leben: Um gut durch eine Krise zu kommen, müssen wir einerseits ein unvermeidliches Schicksal – eine weltweite Virus-Epidemie oder den Tod eines geliebten Menschen – passiv hinnehmen, ohne andererseits das Gefühl zu haben, selbst gar nichts tun zu können. Cornelia Richter nennt das „mediopassives Verhalten“. Sie glaubt, dass Religionen unter anderem den Sinn haben, genau dies einzuüben: Beten zum Beispiel bedeutet, eine Sache in die Hand Gottes zu legen, also Verantwortung abzugeben – aber eben gerade nicht passiv, sondern auf aktive, handelnde Weise. In dieser Perspektive sei es dann auch möglich, Schwachheit und Hoffnung, Verlassenheit und Geborgenheit nicht als Gegensätze zu erleben, die einander ausschließen, sondern beides miteinander zu verbinden.

Und wer dafür keine eigenen Worte findet, dem empfiehlt Richter die Lektüre biblischer Klagepsalmen. Die verleihen nämlich der Not ganz ungeschminkt Ausdruck – und sind überraschenderweise gleichzeitig tröstlich.


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Antje Schrupp 157 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

Silke Kirch 44 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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