Leben & Alltag

Täter beim Namen nennen: Wie die Metoo-Debatte Wirkung gezeigt hat

Althergebrachte Grundhaltungen gegenüber Frauen und fehlende Empathie bei der Aufklärung machen es vielen Betroffenen schwer, sexualisierte Übergriffe in Unternehmen und Institutionen anzuzeigen. Aber die 2017 angestoßene #MeToo-Debatte hat mehr Offenheit bewirkt, so die Expertinnen bei einer Diskussion in der Evangelischen Akademie Frankfurt.

Unter dem Hashtag #metoo (Englisch: Ich auch) haben Opfer sexualisierter Gewalt vor zwei Jahren im Internet auf das Ausmaß des Problems hingewiesen. | Foto: Mihai Surdu/unsplash.
Unter dem Hashtag #metoo (Englisch: Ich auch) haben Opfer sexualisierter Gewalt vor zwei Jahren im Internet auf das Ausmaß des Problems hingewiesen. | Foto: Mihai Surdu/unsplash.

Die junge Auszubildende hat sich endlich ein Herz gefasst und einen Termin im Gleichstellungsbüro der Stadt Frankfurt gemacht. Ein älterer Kollege, dessen Abteilung die junge Frau gerade durchläuft, ist ihr gegenüber so merkwürdig anzüglich. Aber gleichzeitig doch auch ihr Ausbilder. Sie braucht dringend Rat.

Das ist ein Fallbeispiel. Aber nah an der Realität. Es braucht viel Empathie und Fingerspitzengefühl, um sexualisierte Übergriffe aufzuklären. Ulrike Jakob, die das Gleichstellungsbüro der Stadt leitet, hört in solchen Fällen erst einmal genau zu, um die Lage einzuschätzen. Wie es dann weiter geht, will gut überlegt sein.

„Unterstützung und Schutz stehen an erster Stelle. Aber es besteht auch die Gefahr, dass es zum Spießrutenlauf für die Betroffene wird, wenn eine Beschuldigung weitere Kreise zieht“, erzählt sie bei einer Podiumsdiskussion über „Sexuelle Gewalt in Institutionen“ in der Evangelischen Akademie Frankfurt. „Viele Kollegen und Kolleginnen denken so etwas wie:‚Ach, der arme Mann ist verheiratet und hat zwei Kinder. Lasst ihn doch in Ruhe.’“

Solche Grundhaltungen und fehlende Empathie bei der Aufklärung macht es Frauen immer noch schwer, sexuelle Übergriffe anzuzeigen. Aber die 2017 angestoßene #MeToo-Debatte hat mehr Offenheit in Unternehmen und Institutionen bewirkt. Beim ZDF trauen sich seit 2017 mehr Frauen in die Beschwerdestellte, sagt Leiterin Frauke Liebscher-Kuhn, Juristin und Personalfachfrau. Sie ermutigt Betroffene, Namen zu nennen und sie weiterleiten zu lassen.

Mit viel Empathie und Respekt gelingt das oft in einem zweiten Gespräch. Wenn die Betroffene es möchte, können arbeitsrechtliche Konsequenzen gezogen werden. Als erstes folgt meist eine Anhörung des Beschuldigten. Gibt er die Tat zu, kann zum Beispiel ein Entschuldigungsbrief eingefordert werden, eine Ermahnung oder eine Abmahnung erfolgen. Auch eine räumliche Trennung am Arbeitsplatz kann die Konsequenz sein. Ein entsprechendes rechtliches Regelwerk gibt es beim ZDF schon lange. „Wir müssen unser Null-Toleranz-Unternehmenskultur aber noch besser kommunizieren“, sagt Liebscher-Kuhn.

Manche Berufsgruppen sind sexualisierten Übergriffen besonders häufig ausgesetzt, so wie Flugbegleiterinnen. Laut einer im Mai 2019 von der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation (UFO) veröffentlichten Studie sind die Hälfte aller Kabinenmitarbeiter*innen schon einmal am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden. In 45 Prozent der Fälle waren die Täter demnach Vorgesetzte, beispielsweise Piloten. Bei jeweils rund einem Viertel waren es gleichrangige Crewmitglieder oder Passagiere.

Die Lufthansa hat 2017 reagiert und zunächst zwei externe Vertrauenspersonen eingestellt, bei denen sich Betroffene melden können, auch ohne sofort das Unternehmen einzuschalten. „Das macht es Betroffenen viel leichter, zum Telefon zu greifen“, sagt Juliane Grauer, die Gleichstellungsbeauftragte der Fluggesellschaft. Mit externer Hilfe können sie dann in Ruhe entscheiden, ob sie den offiziellen Weg einschlagen wollen oder nicht.

Die Lufthansa hat 2017 eine große Kampagne für die 68000 Mitarbeitenden lanciert, die darüber aufklärte, was sexualisierte Gewalt eigentlich ist, welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt und wie der Prozess der Offenlegung aussieht. Außerdem werden Führungskräfte geschult. „Eine respektvolle Arbeitsatmosphäre zu schaffen, ist eine wesentliche Führungsaufgabe“, unterstreicht Juliane Grauer.

Machtstrukturen und Abhängigkeitsverhältnisse begünstigen sexualisierte Gewalt. Auch in der evangelischen Kirche, die sich lange hinter den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche versteckt hat. Ein Drittel aller Fälle im kirchlichen Kontext ereigneten sich aber nach Angaben der früheren Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Christine Bergmann, in der evangelischen Kirche. Im November 2018 hat die Synode der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) endlich reagiert: Mit einem 11-Punkte-Handlungsplan zur systematischen Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche. Er stärkt die Betroffenen. Ein wesentliche Formulierung ist: „Betroffene sind keine Bittsteller, deren Anliegen von einer Behörde möglichst administrativ-effektiv bearbeitet werden. Sie haben ein Recht auf Empathie, Würde, Anerkennung und Respekt.“

Die Me-too-Deabtte zeigt also durchaus Wirkung. Eine US-Umfrage zu den Auswirkungen am Arbeitsplatz, die die Universität von Colorado im vergangenen . Juli veröffentlicht hat, belegt einen Rückgang bei schweren Übergriffen und größere Bereitschaft von Frauen, sexuelle Gewalt anzusprechen. Die Forschenden vermuten, dass mögliche Täter*innen aus Angst vor Enthüllungen und negativen Auswirkungen abgeschreckt werden. Genaueres muss aber noch erforscht werden.

Gleichzeitig bleibt es wichtig, das Thema in Unternehmen und der breiten Öffentlichkeit virulent zu halten und Skandale ohne falsche Rücksichten aufzuklären. Nach einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2018 halten 45 Prozent der Deutschen die Me-Too-Debatte für übertrieben. In der Schweiz gibt jede achte Frau im Mai 2019 an, einmal Sex gehabt zu haben, ohne, dass sie es wollte. Die Hamburger Elbphilharmonie hat ein geplantes Konzert mit Star-Tenor Plácido Domingo nicht abgesagt, obwohl 19 Frauen ihm sexuelle Übergriffe vorwerfen. Wahrscheinlich, weil der fiananzielle Verlust zu groß wäre. Eine Karte in der ersten Reihe kostet 426 Euro. Es gibt also noch viel zu tun.


Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".