Leben & Alltag

Weihnachten „zuhause“ – von der tiefen, unerfüllbaren Sehnsucht nach Heimat

Weihnachtszeit. Überall hört man Menschen davon sprechen, „nach Hause“ zu fahren. Was drückt sich in dieser Formulierung aus? Könnte hier ein tieferes religiöses Bedürfnis zum Ausdruck kommen? Der Religionsdetektor schlägt an.

Lars Heinemann  |  Foto: Rolf Oeser
Lars Heinemann | Foto: Rolf Oeser

„Ich fahre über Weihnachten nach Hause.“ Eine unscheinbare Formulierung. Aber wenn man genauer darüber nachdenkt, ist doch in der Sache eigentlich gemeint „Ich besuche meine Eltern“ oder „Ich fahre dorthin, wo ich aufgewachsen bin.“ Dennoch verwenden die meisten Menschen die emotionaleren Ausdrücke „nach Hause“ oder „in die Heimat“. Erstaunlich, denn mit 20, 30, 40 oder 50 Jahren haben sich die meisten längst eine neue Identität und ein neues Zuhause aufgebaut.

Das Bedürfnis nach Heimat ist so menschlich wie religiös.

Wir sehnen uns nach festen Identitätsmarkern und Sicherheiten, die inmitten aller Veränderungen konstant bleiben. In vielen biblischen Erzählungen findet sich allerdings eine gewisse Skepsis gegenüber der zu starken Betonung einer fest verankerten „Heimat“. Von Mose, dem es nicht vergönnt ist, seinen Fuß in das verheißene Land zu setzen, bis zu Jesus, der von seiner Familie für verrückt erklärt wird und als Wanderprediger umherzieht: Ihre „Heimat“ ist im Grunde genommen „on the road“.

Religion bricht die Sehnsucht nach Heimat auf und vertieft sie gleichzeitig. Das Verlangen nach einem Zuhause gehört genauso dazu wie das Wissen, dass es sie in dieser Welt nie abschließend geben kann. Wie es im Neuen Testament heißt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Religion unterscheidet gerade zwischen Immanenz und Transzendenz, Diesseits und Jenseits. Die Frage nach Heimat erfährt dadurch eine grundsätzliche Verschiebung und Vertiefung.

Dies scheint auch in der Tradition auf, über Weihnachten „nach Hause“ zu fahren. Denn es ist klar, dass es sich dabei um die Wiederinszenierung einer eigentlich verlorenen Realität handelt. Zumindest einmal im Jahr soll Heimat mit der Herkunftsfamilie erlebt werden, auch wenn die Welt an allen anderen Tagen anders aussieht.


Schlagwörter

Autor

Lars Heinemann 4 Artikel

Lars Heinemann ist Pfarrer in der Gemeinde Frankfurt-Bornheim und Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Rolf Oeser

0 Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.

Artikel kommentieren

Wir freuen uns, wenn unsere Beiträge zu Diskussion und Austausch beitragen. Dabei bitten wir, auf angemessene Umgangsformen zu achten und die Meinung anderer zu respektieren. Bei Verstößen gegen unsere Netiquette-Regeln behalten wir uns vor, Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.

Errechnen Sie die Summe der dargestellten Zahlen
Captcha =