Leben & Alltag

Zwischen Glauben und Gymnastik: Wie viel Religion steckt im Yoga?

Yoga gehört zum Programm jeder Volkshochschule und wird inzwischen sogar auch von Kirchengemeinden angeboten. Der Markt boomt also. Dabei ist Yoga nicht einfach nur Gymnastik. Ursprünglich ist es eine religiöse Praxis.

Yoga hilft gegen Schmerzen und zur Vorbeugung. Wie viel Spiritualität man damit verbindet, ist Glaubenssache. | Foto: Colourbox
Yoga hilft gegen Schmerzen und zur Vorbeugung. Wie viel Spiritualität man damit verbindet, ist Glaubenssache. | Foto: Colourbox

Die Werbung verspricht viel: „Finden Sie Harmonie und Ausgeglichenheit! Körperliche und emotionale Anspannungen lösen sich, der Geist kann zur Ruhe kommen!“ So oder so ähnlich werben viele Veranstalter, darunter auch christliche, für ihre Yoga-Angebote. Mal sind es ein paar Tage im Erholungsheim, mal der wöchentliche Kurs im Gemeindehaus, die „Vertrauen, Ruhe und Zuversicht“ in Aussicht stellen.

In Deutschland praktizieren mehrere Millionen Menschen regelmäßig Yoga. Am beliebtesten sind die Übungen bei Frauen mit höherer Bildung. Yogakurse werden unter bestimmten Voraussetzungen sogar von den Krankenkassen bezahlt. Doch es geht beim Yoga nicht nur um Entspannung und Fitness. Seine Ursprünge liegen im Hinduismus und Buddhismus.

Der indische Begriff „Yoga“ (Sanskrit: yuj) und das deutsche Wort „Joch“ (Lateinisch: iugum) sind sprachlich verwandt. „Das Bild des Anschirrens von Zugtieren vermittelt anschaulich Aspekte des Yoga: Kräfte werden vereinigt, gebündelt und zugleich beherrscht“, schreibt die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Es geht darum, die Fähigkeiten des Menschen zu fördern, wobei eine Reihe verschiedener Methoden und Techniken helfen soll.

Yoga wird bereits in jahrtausendealten philosophisch-religiösen Texten Indiens, den Upanishaden und der Bhagavad Gita, erwähnt. Die Grundlage der meisten Yoga-Systeme findet sich jedoch in den Yoga-Sutren des Gelehrten Patañjali. Diese 195 aphoristischen Merkverse begründen den hierzulande besonders beliebten achtgliedrigen Yogaweg zur Beherrschung der inneren Welt. Dies bedeutet, dass man einen Zustand erreichen kann, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen. Die acht „Stufen“ werden dabei nicht nacheinander abgearbeitet, sondern etwa als „Blütenblätter“ einer sich entfaltenden Knospe betrachtet – daher auch das oft verwendete Bild der Lotusblüte.

Die Stufen beginnen bei der äußeren Disziplin, dann kommen die innere Disziplin, die Körperhaltung, die Atemlenkung, das Ausschalten der äußeren Wahrnehmung, die Konzentration auf einen Punkt, die Meditation als vertiefte Konzentration und schließlich das Einswerden des menschlichen mit dem göttlichen Bewusstsein. Neben diesem klassischen Yogaweg haben sich später weitere herausgebildet, und es kommt auch zu zahlreichen Mischformen.

Nach klassischer Lehre benötigt man für diesen spirituellen Weg einen Wissenden, einen Meister, einen Guru. Ähnlich wie in der Psychotherapie ist dieses Verhältnis zwischen Schüler und Meister ein Abhängigkeitsverhältnis. Es gibt einen Initiationsritus, bei dem der Schüler vom Guru ein individuelles „Mantra“ zur Meditation bekommt, es ist oftmals der Name einer hinduistischen Gottheit. Unter den Yogalehrenden findet schon seit längerem eine Diskussion zum Verhältnis von Yoga und Guru statt. Die Frage ist: Kann Yoga auch ohne das Guru-Jünger-Verhältnis in säkularisierter Form authentisch vermittelt werden?

Weltanschaulich betrachtet passen Yoga und Christentum nicht gut zusammen. So muss im Hinduismus und Buddhismus der Mensch daran arbeiten, den Kreislauf von Geburt und Tod zu durchbrechen, um selbst göttlich zu werden. Im Christentum hingegen sind die Menschen von Gott ohne jede Vorbedingung angenommen. Das Heil ist nach christlicher Überzeugung eine Sache des Glaubens, man muss dafür keine spirituelle Technik erlernen.

Die meisten Menschen, die hierzulande Yoga machen, tun das allerdings auch nicht, um die Einheit mit dem Göttlichen zu finden, sondern um ihre Rückenschmerzen loszuwerden. Sie wollen fit bleiben, aber nicht die Religion wechseln. Der Yoga-Markt folgt diesem Bedarf und hält vielfältige Yoga-light-Angebote vor, bei denen die spirituellen Aspekte gar nicht oder kaum erkennbar sind.

Es entstehen eigene spirituelle Profile, die Yoga mit einem mehr oder weniger kommerzialisiertem Esoterikmarkt verbinden. „Yoga“ ist zum Sammelbegriff für alle möglichen patchworkreligiösen Inhalte geworden. Es gibt Kundalini-Yoga, Kriya-Yoga, Sahaja-Yoga, Tanz-Yoga oder Lach-Yoga. Auf den ersten Blick lässt sich kaum entscheiden, was dahintersteckt.

Die dogmatischen und religiösen Hintergründe des Yoga sind bei diesen Angeboten in aller Regel nicht oder kaum erkennbar. In der westlichen Praxis geht es einfach um Gesundheitsübungen und Entspannung, weshalb es auch für viele Christinnen und Christen kein Problem ist, Yoga zu praktizieren.

Auch in den Light-Varianten versteht sich Yoga jedoch als ganzheitliche Praxis und sieht Körper und Seele als Einheit. Dagegen ist auch aus christlicher Perspektive nichts einzuwenden. Und die gesundheitsfördernde Wirkung der Übungen, auch als Prophylaxe, ist unstrittig. Wenn Yoga lediglich als Körperübung zur Steigerung des Wohlbefindens praktiziert wird, ist damit sicher keine Grenzüberschreitung zum Hinduismus oder zum Buddhismus verbunden. Genau genommen ist es dann aber auch kein Yoga mehr, sondern eher eine Art „Gesundheitsübungen im Stil des Yoga“.

Manche versuchen, diese Übungen auch mit christlichem Inhalt aufzuladen. Aber Yoga ist mehr als ein bloßes Behältnis, das mit jedem x-beliebigen Inhalt gefüllt werden kann. Es hat zum Beispiel auch in den Übungen den Anspruch, auf Energiezentren zu wirken. Diese Energiezentren, Chakren genannt, sind wissenschaftlich nicht zu belegen – sondern schlicht Glaubenssache.

Mehr zum Thema: „Wenn von Chakren die Rede ist, sollte man genauer hinschauen“.


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Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach". Mehr über den Publizisten und Erziehungswissenschaftler ist auf www.eimuth.de zu erfahren.

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