Offenbach lokal

Gewachsene Beziehungen ermöglichen schnelle Hilfe für die Ukraine

Seit vielen Jahren kooperiert ein Ökumenisches Hilfsprojekt aus Neu-Isenburg mit einem Diakonischen Zentrum im Westen der Ukraine. Jetzt im Krieg ermöglichen die gewachsenen Beziehungen unbürokratische Hilfe, wie Initiatorin Jutta Loesch von der französisch-reformierten Gemeinde in Offenbach erzählt.

Jutta Loesch (links) bei ihrer aktuellen Fahrt nach Beherowe zusammen mit Katharina, die aus Kiew geflohen ist. | Foto: privat
Jutta Loesch (links) bei ihrer aktuellen Fahrt nach Beherowe zusammen mit Katharina, die aus Kiew geflohen ist. | Foto: privat

Drei große Zelte, Waschmaschinen, Eisschränke, Wasch- und Putzmittel: Darum bittet Bela Nagy, der Leiter des diakonischen Zentrums von Berehowe im Westen der Ukraine, in einem Brief an Jutta Loesch vom 25. April. Loesch unterstützt das Zentrum nahe der ungarischen Grenze schon seit Jahren maßgeblich. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist der Ort von vielen tausend Geflüchteten überlaufen. Allein 60 elternlose Kinder hat das Zentrum aufgenommen, wie Jutta Lösch erzählt.

Nur einen Tag nach dem Erhalt des Briefes hat Loesch nicht nur drei, sondern 13 große Zelte organisiert und 40 Campingbettchen bei Aldi für die Kinder gekauft. An Waschmaschinen und Eisschränken arbeitet sie noch. „Eine solche Spendenbereitschaft wie jetzt habe ich noch nie erlebt“, sagt sie. Im März und April haben ihr Verein und befreundete Hilfsorganisationen bereits 70 Tonnen mit Mehl, Reis und Zucker, aber auch Matratzen nach Berehowe geschickt.

So schnell war das nur möglich, weil Loesch sich seit über zwanzig Jahren in Transkarpatien engagiert. Eine Gegend, in der viele Menschen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre Jobs in Munitionsfabriken verloren hatten und bitterarm waren. Loesch lernte das diakonische Zentrum in Berehowe 2004 kennen. Als ihre Reisegruppe im Hof auf Direktor Nagy wartete, hörte sie plötzlich eine vertraute Melodie. In vielen Ländern der Welt wird in reformierten Gemeinden am Ende des Gottesdienstes der 68. Psalm gesungen.

Loesch, die selbst aus einer hugenottischen Familie stammt und zur französisch-reformierten Gemeinde in Offenbach gehört, war überrascht, den Psalm in diesem Winkel der Welt zu hören. Sie folgte der Melodie und entdeckte in einem Schuppen zwanzig Frauen, die Nudeln für eine dicke Suppe formten. Jeden Tag wird eine solche Suppe an 450 Menschen aus Berehowe und Umgebung ausgegeben. Außerdem 1.000 Brote, die zwei Bäcker auf dem Hof des Zentrums backen. „Das hat mich damals sehr berührt“, erinnert sich Loesch. „Ich hatte das Gefühl, der liebe Gott hat mich am Schlafittchen gepackt. Mir war sofort klar: Hier will ich dauerhaft helfen.“ Inzwischen ist die heute 81-Jährige schon 25 Mal auf eigene Kosten nach Berehowe gefahren. „Am Anfang lagen da nur Steinhaufen“, erzählt sie. „Aber Bela Nagy hat darin Häuser gesehen.“

Neben der Suppenküche ist seither ein Altenheim entstanden, ein Mutter-Kind-Haus für Alleinerziehende, ein Haus für demenzleidende Alte. Vor vier Jahren wurde eine Kirche gebaut. Ein Heim für Familien mit behinderten Kindern ist geplant. Fast die gesamte Inneneinrichtung der Häuser stammt aus Deutschland. Rund zwanzig Frauen engagieren sich für Loeschs Verein, nehmen Hilfsgüter entgegen, sortieren und verpacken sie. „Ein wunderbares Team, in dem alle Konfessionen, Konfessionslose und auch Musliminnen mitarbeiten“, sagt Loesch.

Schon warten Kartons mit Kinder- und Babykleidung, Babynahrung, Schuhen, Spielzeug, Haushaltwaren, Kleidung, aber auch mit Hygieneartikeln und Medikamenten auf den nächsten Transport. Außerdem Säcke mit Bettzeug, weiche Stühle für das Altenheim und Fahrräder.

Loesch hat bereits mehrere Bürgerpreise erhalten, zuletzt 2020 den Ehrenbrief des Landes Hessen. Sich darauf auszuruhen, kommt ihr nicht einmal in den Sinn. Im Gegenteil: Sie will möglichst bald wieder in die Ukraine fahren. „Keiner kann sagen, wie es dort weitergeht“, sagt sie. „Wir reagieren flexibel auf die Situation, wie sie ist. Diakonie ist Helfen, wo und wie es gebraucht wird.“


Schlagwörter

Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

0 Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.

Artikel kommentieren

Wir freuen uns, wenn unsere Beiträge zu Diskussion und Austausch beitragen. Dabei bitten wir, auf angemessene Umgangsformen zu achten und die Meinung anderer zu respektieren. Bei Verstößen gegen unsere Netiquette-Regeln behalten wir uns vor, Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.