Offenbach lokal

Mit dem Fahrrad die Stadtgrenze von Frankfurt und Offenbach überwinden

Die Frankfurter Erlösergemeinde und die benachbarte Offenbacher Friedenskirchengemeinde wollen enger zusammenarbeiten: zunächst bei den Gemeindebüros und bei Gottesdiensten.

Nicht mal zehn Minuten mit dem Rad: Die Offenbacher Pfarrerin Henriette Crüwell (links) und die Frankfurter Pfarrerin Anne-Katrin Helms treffen sich regelmäßig, um gemeinsame Projekte zu planen. |
Nicht mal zehn Minuten mit dem Rad: Die Offenbacher Pfarrerin Henriette Crüwell (links) und die Frankfurter Pfarrerin Anne-Katrin Helms treffen sich regelmäßig, um gemeinsame Projekte zu planen. | Bild: Foto: Rolf Oeser

2,1 Kilometer sind es von der evangelischen Erlöserkirche in Frankfurt-Oberrad hin zur evangelischen Friedenskirche im Offenbacher Westend. Für die Distanz zwischen Kleingärtnerverein Oberrad und dem Offenbacher Gotteshaus gibt der Routenplaner gerade mal 900 Meter aus – ein klassischer „Katzensprung“ sozusagen, der Bach des Buchrainweihers markiert die Stadtgrenzen.

Ein Glück, dass die Pfarrerinnen der beiden Gemeinden, Anne-Katrin Helms und Henriette Crüwell, gute Radlerinnen sind. Keine zehn Minuten treten sie in die Pedale, um sich persönlich abzustimmen – an diesem Vormittag im Pfarrbüro an der Offenbacher Geleitsstraße.

Teuer wäre es mit dem öffentlichen Nahverkehr – da gelten die Tarifgrenzen – „das ist ein ewiges Problem“, sagt Helms, die Pfarrerin der Evangelischen Erlösergemeinde, Frankfurt-Oberrad. „Fünf Minuten zu Fuß, dann ist es eine Kurzstrecke“ ergänzt sie und schüttelt den Kopf. Früher, als die Straßenbahn noch die beiden Kommunen verband, sei es ein Leichtes gewesen, aus ihrem Stadtteil nach Offenbach zu fahren., sagt die 49 Jahre alte Theologin, aufgewachsen in der Fachwerkstadt Herborn in Mittelhessen.

Nachdem zum 1. Januar 2019 die evangelischen Kirchen von Frankfurt und Offenbach zusammenkamen, war es im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend, dass sich die beiden Gemeinden bei dem Kennenlernprozess in Form einer Visitation beschnupperten. Wenn Henriette Crüwell, Pfarrerin der Offenbacher Friedenskirchengemeinde sagt, „ein Kennzeichen unseres Kirchenvorstands ist es, dass er sagt, lass uns das mal ausprobieren“, nickt Helms. Auch in der Erlösergemeinde zeigt sich das leitende Gremium der Ehrenamtlichen offen für Neues. Eine gute Ausgangslage für die neue Situation.

„Die Evangelisch-Lutherische Erlösergemeinde liegt mitten drin im Großraum Rhein-Main“, so beginnt die Selbstdarstellung der Oberräder Gemeinde, gefolgt von dem Hinweis, dass in dem Frankfurter „Gärtnerdorf“ die Grüne Soße Kräuter ihre Wurzeln schlagen. Zwischen den Zeilen lässt sich ein Motto wie „weltoffen und heimatverbunden“ herauslesen. Bekannt ist die Gemeinde für ihre Bereitschaft zum Diskurs, gerade auch in Verbindung mit der benachbarten Jesuitenhochschule Sankt Georgen. Im Quartier ist man gut vernetzt, berichtet Helms: Die Gemeinde kooperiert beispielsweise mit dem Nachbarschaftszentrum Ostend, zum Gewerbeverein hält sie Kontakt, beim Fest am Buchrainplatz ist die Erlösergemeinde dabei.

„Bei uns ist es mehr Dorf, bei euch mehr Stadt“, sagt Helms. Die Friedenskirchengemeinde ist tatsächlich mehr auf das umliegende städtische Offenbach ausgerichtet, bestätigt Crüwell. Zu den Charakteristika ihrer Gemeinde zählt der Stolz darauf, dass der Pfarrer in der NS-Zeit zur Bekennenden Kirche hielt und sich damit den Systemkritikern anschloss. Bekannt ist die Friedenskirchengemeinde für eine etwas andere – und beliebte – Gottesdienstpraxis, „hier wird auch gekniet“, erzählt Crüwell, die vor ihrem Dienstantritt in Offenbach 2017 Pfarrerin der Jugendkulturkirche Sankt Peter in Frankfurt war. In ihrer jetzigen Arbeit legt sie gleichfalls großen Wert auf Angebote für die jüngere Generation. Die 49-Jährige freut sich, dass Studierende der Hochschule für Gestaltung die Kirche auch als Ausstellungsraum entdeckt haben.

Gerade dank der Unterschiedlichkeit des Umfelds bereichern sich Erlöser- und Friedenskirchengemeinde. Rund um die Oberräder Erlöserkirche stehen Wohnhäuser, manche zweistöckig mit Vorgarten, vermutlich aus den Sechzigern, andere umliegende Gebäude aus den siebziger Jahren können fast schon als Hochhäuser bezeichnet werden. Bis zu den Feldern und dem Wald ist es nicht weit. Hier tauchen eher selten Bagger, Kräne und Bauzäune auf.

Ein Boxcamp hat ein paar Hausnummern neben Crüwell seinen Sitz, der Designer Sebastian Herkner, ein Lieblingskind der Interieur-Zeitschriften, siedelt wie sie an der Geleitsstraße. Um die Ecke ist das neue Hafenviertel hochgewachsen, auf dem ehemaligen Seifenproduktionsgelände der Firma Kappus entstehen rund 300 neue Wohnungen, daneben gibt es noch einiges an Sanierungsbedarf im Offenbacher Westend.

Crüwell beschreibt das Umfeld „als ziemlich säkular“. Als sie mit einer Postkartenaktion die Neubewohner des Hafenviertels einlud, war die Resonanz dürftig. Gerade mal vier „Konfis“ verzeichnet sie aktuell. Anders in Oberrad: „Hier melden sich noch 14 von 15 Getauften im Konfirmandenalter“, erzählt Helms. Ein Grund dafür, dass schon mit der gemeinsamen Konfirmandenarbeit von Erlöser- und Friedenskirchengemeinde begonnen wurde.

Zum 1. Juni sollen die Büros der beiden Gemeinden – zumindest was die Telefonleitung angeht – zusammengelegt werden. Auch wenn die Verwaltungskräfte in Oberrad oder Offenbach sitzen, Auskunft können sie zu erweiterten Zeiten für beide Gemeinden geben. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) biete für solche Reorganisationen Mittel an, „und wir haben die Töpfe großzügig genutzt“, berichtet Helms.

Im weiteren Verlauf des Jahres geht es auch los mit dem abwechselnden Dienst am Sonntag. Für ein halbes Jahr solle in der Friedenskirche ausprobiert werden, ob die neue Gottesdienstzeit 11 Uhr funktioniert, berichtet Crüwell. Eine Predigt, gehalten an zwei Orten – ein Konzept, dass die zwei interessant finden. Auch vor Hektik scheinen sie keine Angst zu haben: Nach 50 Minuten müssen die Glocken läuten für den fliegenden Wechsel. „Da müssen sie das Fahrrad schon vor der Kirche stehen haben“, sagt die Oberräder Pfarrerin. Ob der Talar dann im Körbchen landet oder gleich an bleibt, wird sich weisen. Eins ist klar, die Pfarrerin trägt gelb. Helms und Crüwell schützen sich mit einem gelben Fahrradhelm, wenn sie auf Tour gehen – Zufall, aber auch eine Gemeinsamkeit.


Autorin

Bettina Behler 109 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach