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„Mit Fantasie gemeinsame Projekte entwickeln“: Interreligiöse Zusammenarbeit in Offenbach

In Offenbach leben viele Religionsgemeinschaften zusammen. Pfarrerin Susanna Faust Kallenberg, die für die Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach den interreligiösen Dialog pflegt, äußert sich im Interview über neue Ideen, gemeinsame Themen und Pläne für die Zukunft.

Susanna Faust Kallenberg ist Pfarrerin für Interreligiösen Dialog im Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach. | Foto: Rolf Oeser
Susanna Faust Kallenberg ist Pfarrerin für Interreligiösen Dialog im Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach. | Foto: Rolf Oeser

Frau Faust Kallenberg, vor einigen Monaten gab es erstmals einen Tag der Religionen in Offenbach. Wie kam es dazu, wer hatte die Idee?

Susanna Faust Kallenberg: Junge Leute der Bahai, der freireligiösen Gemeinde und der Sikhs haben die Initiative ergriffen, alle so zwischen 20 und 30 Jahre alt. Die haben im letzten Jahr alle Religionsgemeinschaften in der Stadt eingeladen, sich zu treffen. Meine katholische Kollegin, die Dekanatsreferentin Barbara Huber-Rudolf und ich waren unterstützend dabei, als es etwa darum ging, Muslime und Musliminnen dazu zu holen. Nicht allen muslimischen Partnern fällt es leicht, mit jüngeren Religionen wie den Bahai zusammenzuarbeiten, die sich auf dieselben Schrifttraditionen berufen. Aber in diesem Fall ist es mit dem guten Willen aller tatsächlich gelungen, einen „Kreis der Religionen“ aufzubauen, an dem bis jetzt neben Bahai, Sikhs uns Freireligiösen auch katholische, protestantische, muslimische und jüdische Menschen teilnehmen und der sich bereits mehrmals virtuell getroffen hat.


Etwas ähnliches, einen Runden Tisch, an dem sich Religionsvertreter:innen trafen, gab es ja vor vielen Jahren schon einmal…

Die christlichen Vertreter:innen hatten sich seinerzeit sehr um dieses Gremium bemüht – Anja Harzke, die zwischen 2004 und 2015 für Ökumene und Interreligiösen Dialog im Dekanat Offenbach verantwortlich war, und auch ihre Nachfolgerin und meine Vorgängerin, Ulrike Schweiger.


Und jetzt also ein Neustart?

Ja. Während wir von den „alten Religionen“ uns damals an den Strukturen abgearbeitet haben, haben die jungen Menschen gesagt: Jetzt treffen wir uns einfach mal und gucken, was dabei herauskommt. Das war toll!


Und als erstes sichtbares Ergebnis ist der „Tag der Religionen“ herausgekommen?

Genau. Wir hatten uns für dieses Projekt im Rahmen der Interkulturellen Woche entschieden. Die jungen Leute haben die Logistik, auch mit Hilfe der Sozialen Medien, recht schnell auf die Beine gestellt, Leute für den Auf- und Abbau organisiert. Wir sind auf die grüne Wiese hinterm Büsingpalais gegangen und haben dort kleine Faltpavillons aufgestellt. Das „Café Frieda“ lieferte die Getränke, die türkischen Muslime und die Sikhs haben Essen vorbereitet. Jede Religionsgemeinschaft hat einen Pavillon gestaltet, es gab digitale Ratespiele und anderes. Wir haben uns mit dem katholischen Dekanat zusammengetan, das nächste Mal könnten wir noch andere Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen mit einbeziehen. Das war ein erster Versuch, zudem unter den erschwerten Corona-Bedingungen. Das ist alles noch ausbaufähig.


Gab es auch etwas, das von allen gemeinsam gestaltet wurde?

In einem zentralen großen Zelt waren wir alle mit einem Programm präsent, dort konnten die Besucher:innen auch Fragen stellen. Und wir haben den Tag abgeschlossen mit einem gemeinsamen, sehr schönen Gebet. Und vielleicht das Wichtigste: Wir haben uns in diesen Stunden intensiv kennengelernt.


Wie ist denn das Verhältnis der Religionsgemeinschaften zueinander? Die christlichen Kirchen sind ja in den letzten Jahren und Jahrzehnten stark geschrumpft. Spürt man diese Gewichtsverschiebung?

Es gibt in Offenbach Stadtteile, in denen viele Musliminnen und Muslime leben, aber auch solche mit noch dörflichen Strukturen, etwa in Rumpenheim, wo man kaum muslimische Bevölkerung hat. Die Konkurrenz zum Christentum bilden dort eher Menschen ohne Religion, Säkulare. Im Interreligiösen Dialog waren Christ:innen lange Zeit diejenigen, von denen die Initiative ausging, und oft auch sehr dominierend, was nicht unbedingt vorteilhaft ist. Ich erlebe in Offenbach eine sehr offene jüdische Gemeinde, die bereit ist, mit allen muslimischen Gemeinden zusammen Veranstaltungen zu machen – etwa das digitale „Gebet für unsere Stadt“ voriges Jahr. Das wäre in Frankfurt sehr viel komplizierter.


Und wie verhalten sich die Offenbacher muslimischen Gemeinschaften?

Beim Tag der Religionen war die türkische Ditib dabei, beim „Gebet für unsere Stadt“ außerdem die islamische Bewegung Milli Görüs sowie eine marokkanische und eine bosnische Moscheegemeinde. In Offenbach ist es viel einfacher, die muslimische Vielfalt zu erreichen als in Frankfurt. Das läuft über den hier sehr wichtigen Ausländerbeirat, dessen Vorsitzender Abdelkader Rafoud zu allen Kontakt hat. Auch Naime Demirezen ist dort, die jetzt beim Tag der Religionen die muslimische Teilnahme organisiert hat.


Wären diese Moscheevereine auch bereit, beim „Kreis der Religionen“ mitzumachen?

Der Kreis ist ja erst noch im Aufbau. Ich bin sicher, wenn man sie fragt, wird die Mehrheit dabei sein wollen.


Gibt es auch Kontakte zu den christlichen Freikirchen?

Bisher noch nicht. Da müssten wir über die ACK, die „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen“, gehen oder die Gemeinden direkt ansprechen. Das ist noch eine Baustelle. Man muss aber auch gucken, dass die Christ:innen mit ihrem breiten Spektrum nicht alle andere erdrücken.


Weg von der Annäherung untereinander – was wären gesellschaftliche Themen, die man zusammen bearbeiten könnte?

Ein Thema ist sicher die zunehmende Armut. Immer mehr Leute leben auf der Straße, das sehen alle. Die brauchen etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf. Manche Moscheegemeinden haben inzwischen Räume, in denen Menschen übernachten können. Die bringen spontan Leute von der Straße bei sich unter. Das finde ich sehr spannend – diese Form von Gastfreundschaft, ein Gefühl für Verantwortung. Dann natürlich alles, was mit Rassismus zu tun hat. Viele Religionsgemeinschaften sind ja migrantisch geprägt, es betrifft sie also ganz direkt. Neben Konflikt- und Anti-Aggressions-Training gibt es auch kreative, künstlerische Zugänge, die auszuprobieren sehr spannend sein kann.


In Offenbach leben heute Menschen aus 152 Nationen zusammen. Die migrantischen Gruppen sind politisch noch immer unterrepräsentiert. Könnte der „Kreis der Religionen“ ihre Interessen zur Sprache bringen und als Ansprechpartner für die Politik fungieren?

Um eine politische Funktion zu erfüllen, müsste das Gremium die entsprechende Struktur bekommen. Man müsste Repräsentanten und Vorstände wählen, die Leichtigkeit ginge verloren. Man muss überlegen, was man will: Eine Delegation, die ein Gegenüber zur Politik ist und die Religionsgemeinschaften repräsentiert, oder mit Fantasie innovative Projekte entwickeln. Im Moment sehe ich nicht, dass es in die repräsentative Richtung geht.


Welche Projekte sind als nächstes geplant?

Ein junger Sikh hatte gleich zu Anfang die Idee, eine App zur Armenspeisung zu entwickeln. Das hat sich als ziemlich kompliziert erwiesen, aber vielleicht lässt sich ja ein ähnliches soziales Projekt umsetzen. Eine andere Idee war, einen interreligiösen Garten anzulegen. Da hätte man einen Ort, an dem man sich treffen kann und etwas gemeinsam aufbaut. Reformierte und Stadtkirchengemeinde, die jüdische und auch eine muslimische Gemeinde beteiligen sich aktuell an einem Filmprojekt mit Jugendlichen, das im Mai fertig sein soll. Alle diese Gemeinden wurden zu unterschiedlichen Zeiten von Migrant:innen gegründet. Die jüdische Gemeinde so eingebettet zu sehen in die Migrationsgeschichte der Stadt – das könnte eine Möglichkeit sein, die Offenbacher Erinnerungskultur zu weiten. Mit dem Vorsitzenden des Ausländerbeirats habe ich einen Film geplant, von Moschee zu Moschee zu gehen und sie in kurzen Einstellungen vorzustellen.


Gibt es über den Kreis hinaus weitere Kontakt-Formate?

Im Frühjahr möchte sich der evangelische Stadtdekan erstmals mit Vertreter:innen von Moscheegemeinden und aus der muslimischen Stadtgesellschaft in Offenbach treffen. Das macht er in Frankfurt schon jährlich. Das ist unheimlich gut für die Pflege der Beziehungen. Begegnungen auf der Führungsebene sind den Muslimen auch sehr wichtig und geben uns wertvolle Einblicke.


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Jörg Echtler 5 Artikel

Jörg Echtler studierte Kirchenmusik, Musiktheorie und Germanistik und arbeitet als freier Journalist in Frankfurt und Offenbach.

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