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Juwele der Kirchengeschichte, Teil 12: die Stadtkirche in Offenbach

Die Stadtkirche Offenbach ist in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Ihre Grundsteinlegung war um das Jahr 1739. Heute irgendwie verloren, weil freistehend, gehörte sie einst zu einer Flucht prachtvoller Gründerzeithäuser in der Herrnstraße.

Die Stadtkirche in Offenbach. | Foto: Rui Camilo
Die Stadtkirche in Offenbach. | Foto: Rui Camilo

In Offenbach erzählt man sich gerne Geschichten. In einer davon wird gemunkelt, dass die im Jahr 1956/57 erbaute Orgel in der Stadtkirche noch die ein oder andere Flöte der Orgel der ehemaligen jüdischen Synagoge beheimatet. Nachgewiesen ist das nicht – spannend aber trotzdem. So wie vieles an der Geschichte der Kirche.

Nach der Grundsteinlegung um 1739 baute die damals noch junge und kleine lutherische Gemeinde etwa zehn Jahre lang an ihrem Gotteshaus. Dass das überhaupt möglich war, hatten die Offenbacher Lutherischen dem liberalen Graf Wolfgang Ernst III. zu Isenburg zu verdanken. Denn eigentlich hatte das um 1590 zum reformierten Calvinismus übergetretene Isenburger Grafenhaus, das in Offenbach residierte, alles mit dem Luthertum Zusammenhängende verboten. Wolfgang Ernst erlaubte jedoch Anfang des 18. Jahrhunderts die öffentliche Ausübung des lutherischen Glaubens und dann auch den Bau der heutigen Stadtkirche. Dass die Stadtkirche über dem Eingangsportal das Hochgräfliche Isenburger Wappen ziert, versteht sich in diesem Zusammenhang quasi von selbst.

Für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von dem Offenbacher Schriftkünstler Karlgeorg Höfer ein buntglasiges Kirchenfenster gestalte, das nach Westen ausgerichtet ist. Es überwältigt vor allem in Anbetracht der sonstigen Schlichtheit der Kirche: tolle Farben, geniale Effekte. Speziell bei Sonnenuntergang rückt der Lichteinfall die Inschrift in imposantes Licht: „Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Der Wortlaut des ersten Gebots ist 1949 vom damaligen Kirchenvorstand als Inschrift festgelegt worden. „Vermutlich war diese Dominanz des ersten Gebotes nach den Erlebnissen des Nationalsozialismus gewollt“ sagt Angela Sluyter, die Vorsitzende des Kirchenvorstandes, „verstanden als Ansage, keinen Götzen hinterher zu laufen.“

Eine andere Geschichte, die in Offenbach ebenfalls gerne erzählt wird: Die damalige Dekanin und Pfarrerin Eva Reiß entdeckte 2011 beim Aufräumen im Dekanat einen wertvollen Schatz, denn sie fand eine Abendmahlskanne, die im Jahr 1741 als Geschenk des Fürstentages an die lutherische Gemeinde überreicht wurde. Und der Clou: Diese Geschichte ist wahr.

Heute ist die Offenbacher Stadtkirche Vorreiterin in der offenen Stadtkirchenarbeit. Seit Jahren schon treibt sie die Ökumene voran und verdient das Prädikat „Inklusive Kirche“. An jedem dritten Sonntag im Monat findet hier ein Gottesdienst in einfacher Sprache statt. Die Sakristei wurde aufgegeben, damit barrierefreie Toiletten eingebaut werden konnten, es gibt eine Induktionsschleife für entsprechende Tonübertragung – die Stadtkirche mag zwar historisch sein, innovativ und zeitgemäß ist sie aber heute.

Stadtkirche Offenbach, Herrnstraße 44, 63065 Offenbach. Die Kirche ist täglich geöffnet, montags bis freitags von 12-18 Uhr, samstags von 11-13 Uhr. Sonntagsgottesdienst ist 11 Uhr, jeden Samstag vor dem ersten Sonntag im Monat findet um 18 Uhr ein Abendgottesdienst statt.


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Angela Wolf 27 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse in Frankfurt am Main, arbeitet als freie Autorin und ist ehrenamtlich aktiv.

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