Politik & Welt

Armut ist nicht gleich Armut

Wann ist jemand arm? Armut und prekäre Lebensverhältnisse haben viele Facetten. Wohlstandswachstum und Sozialstaat konnten beides zwar qualitativ und quantitativ verändern, aber nicht beseitigen.

Arm in einer reichen Stadt: Wie wenig muss man haben um arm zu sein? | Foto: Rui Camilo
Arm in einer reichen Stadt: Wie wenig muss man haben um arm zu sein? | Foto: Rui Camilo

Einig über die Begrifflichkeit von Armut ist man sich bis heute nicht. Umstritten ist, welche Lebensumstände ein „Leben in Armut“ definieren. Auf drei Aspekte konnte sich die Armutsforschung allerdings festlegen: Dass zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden werden sollte, dass Armut immer von der jeweiligen Zeit und den kulturellen Umständen abhängig ist, und dass das Phänomen Armut mehrere Dimensionen hat.

Menschen in Europa und anderen insgesamt reichen Gesellschaften plagt nicht in erster Linie die Frage des physischen Überlebens. Menschen erfrieren oder verhungern nicht in großer Anzahl. Vielmehr gelten Menschen als arm, wenn ihnen aus materiellen Gründen die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben verwehrt bleibt.

Ein Theaterbesuch, Musikunterricht für die Kinder, der Besuch im Zoo oder mal ins Schwimmbad? Dafür ist oft kein Geld da. Das bedeutet aber auch, dass man bei diesen Themen dann nicht mehr mitreden kann. Gibt das Portemonnaie also nicht viel her, ist man anderen Bevölkerungsgruppen gegenüber im Nachteil, die sich dieses oder jenes leisten können. Genau das bedeutet „relative Armut“ – man ist arm verglichen mit anderen, und deshalb von vielen Möglichkeiten ausgeschlossen.

Armut als Phänomen ist auch immer ein Kind ihrer Zeit. Was beispielsweise in den 90er Jahren als „arm“ galt, sieht heute schon wieder ganz anders aus. Wie schlimm es ist, kein Geld für den Sommerurlaub zu haben, hängt auch davon ab, was in einer gewissen Zeitepoche als normal gilt. Aus diesem Grund ändert sich die Grenze dessen, was als „angemessenes Minimum“ für ein einigermaßen gutes Leben gilt, laufend. Darüber, was „angemessen“ ist, gibt es in Politik und Gesellschaft breite Kontroversen, und längst sind nicht alle mit den geltenden Normen einverstanden.

Armut ist also nicht nur ein ökonomisches oder materielles Thema, sondern hat auch soziale, kulturelle und psychische Aspekte. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen, die von Armut betroffenen sind, eine deutlich geringere Lebenserwartung haben als ihre Altersgenossen. Wenn man im Alltag mit all den vielen Problemen befasst ist, die es mit sich bringt, nur wenig Geld zu haben, kann es mitunter schwer fallen, sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Welche Partei wähle ich, die meine Situation verbessern kann? Welche Möglichkeiten, mich zu beteiligen, habe ich? Gerade arme Bevölkerungsgruppen haben deshalb in der Politik kaum eine Lobby. Sie können sich einfach weniger gut für ihre Interessen einsetzen.

Politische Entscheidungen laufen daher Gefahr, in Bezug auf Armut am tatsächlichen Bedarf vorbei getroffen zu werden. Mit der Folge, dass sich die Lebenschancen von Frauen und Männern, Jungen und Mädchen, die in als arm definierten Verhältnissen leben, weiter verschlechtern. Entscheidungen über Bildungschancen und Rahmenbedingungen für schlecht bezahlte Berufe zum Beispiel werden häufig von Menschen getroffen, die selbst keine Erfahrungen damit haben.

Die Schere zwischen arm und reich ist groß. Wohlstand ist sehr ungleich verteilt. Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind strukturell stärker von Armut betroffen, es hängt also nicht in erster Linie an individuellem Verhalten. Alleinerziehende Frauen zum Beispiel sind strukturell benachteiligt und deshalb im Schnitt viel häufiger arm als andere. Das ist beschämend.

Armutsbekämpfung ist komplex. Niemand kann behaupten, einfache Lösungen in der Schublade zu haben. Ansätze gibt es viele. Ursachen, die bekämpft werden müssten, ebenfalls.

Aber auch, wenn man in vielem unterschiedlicher Meinung sein kann: Wir sollten uns schon darauf einigen, dass es höchste Priorität haben sollte, das Thema anzugehen. Denn alle Menschen haben ein Recht auf gleiche Chancen, auf ein gutes und gesundes Leben.


Autorin

Angela Wolf 58 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

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