Politik & Welt

Interview mit Rosemarie Heilig: „Der Stadtwald stirbt“

Im Vergleich zu anderen Regionen der Welt verläuft der Klimawandel hierzulande noch wenig dramatisch. Aber die Zerstörung der Ökosysteme hat auch in Rhein-Main längst begonnen. Ein Gespräch mit der Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Bündnis 90/Die Grünen).

Die meisten Bäume sind nicht mehr zu retten: Im Stadtwald macht sich die Klimakrise bereits bemerkbar. | Foto: Rolf Oeser
Die meisten Bäume sind nicht mehr zu retten: Im Stadtwald macht sich die Klimakrise bereits bemerkbar. | Foto: Rolf Oeser

Frau Heilig, macht sich der Klimawandel bei uns schon bemerkbar?

Ja, zum Beispiel mit Hitzewellen und sogenannten tropischen Nächten, in denen die Temperatur nicht unter 25 Grad fällt. Oder mit langen Trockenperioden wie im Jahr 2018, als es zwischen April und November nicht einen Tropfen geregnet hat. Der schlimmste Effekt für mich ist aber die Tatsache, dass der Stadtwald stirbt.


Was heißt das?

Der Großteil der Bäume ist bereits abgestorben, dagegen lässt sich nichts mehr tun. Wir experimentieren jetzt mit anderen Arten, die mit extremer Hitze und Trockenheit klarkommen und sich hoffentlich an das geänderte Klima anpassen. Aber auch die Wissenschaftler:innen, mit denen wir zusammenarbeiten, haben bisher keine wirkliche Lösung. Ich hoffe einfach, dass, wenn die Leute den Stadtwald sterben sehen, sie selber anfangen zu überlegen, wie sie CO2 einsparen können. Betroffenheit setzt etwas in Bewegung, nicht das Zeichnen von apokalyptischen Szenarien. Wir müssen den Schalter im Kopf umlegen und begreifen, dass wir alle etwas tun müssen. Zum Beispiel nicht Autofahren und nicht fliegen.


Brauchen wir da gesetzliche Regelungen?

Ich glaube, Verbote werden uns nicht weiterbringen, sondern jeder und jede einzelne muss sich überlegen, welche alltägliche Gewohnheiten CO2 produzieren und wie sie diese ändern können. Und das betrifft alle – mich, Sie beide, genauso wie alle anderen.

Rosemarie Heilig ist Umweltdezernentin der Stadt Frankfurt am Main.
Rosemarie Heilig ist Umweltdezernentin der Stadt Frankfurt am Main.


Aber in der Klimapolitik gibt es einen enormen Zeitdruck. Um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, was notwendig ist, um gravierende Folgen zu vermeiden, müssen die CO2-Emissionen in zehn Jahren auf null gesenkt werden.

Das schaffen wir nicht.


Das heißt, das Pariser Klimaschutzabkommen wird in Frankfurt nicht umgesetzt werden?

Das ist richtig. Wir schaffen das nicht. Jeden Tag pendeln 400.000 Menschen mit dem Auto nach Frankfurt. Um das zu ändern, bräuchte es enorme Anreize, zum Beispiel müssten Schüler:innen und Rentner:innen Busse und Bahnen kostenlos nutzen dürfen, und alle anderen ein 365 Euro-Ticket bekommen. Dafür müsste das Schienennetz radikal ausgebaut werden. Nicht nur der Mainkai, sondern die ganze Innenstadt müsste autofrei werden. Aber nur, weil wir bisher zu langsam sind, dürfen wir jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken.


Warum geht es so langsam voran?

Es gibt zum Glück schon viele Wirtschaftsverbände, die verstanden haben, dass Nachhaltigkeit das Gebot der Stunde sein muss. Aber manche Akteure wie die Industrie- und Handelskammer, die Finanzwirtschaft oder die Handwerkskammer haben die Zeichen der Zeit immer noch nicht erkannt.


Und in der Politik?

Da gilt das gleiche. Nicht nur in den Vorständen der Konzerne, auch in Planungsämtern und Dezernaten sitzen noch viel zu viele alte Männer mit eingefahrenen Denkmustern, und zu wenige Frauen und jüngere Leute. Frauen planen Städte tendenziell anders, nämlich familien-, zukunfts- und enkelgerechter. Alle Politiker:innen müssen endlich begreifen, in welcher Krise wir stecken, und dürfen sich nicht von Wirtschaftsmenschen beeinflussen lassen, die das entweder nicht verstanden haben oder nur ihre eigenen ökonomischen Interessen verfolgen.


Viele Klimaaktivist:innen glauben, dass wir unser Wirtschaftssystem als Ganzes kritisch überdenken müssen.

Ich glaube das nicht. Wir müssen unsere Möglichkeiten nur voll ausschöpfen und wenn nötig auch sehr radikale Maßnahmen in Betracht ziehen. Wo das Prinzip der Freiwilligkeit scheitert, müssen von der Politik striktere Vorgaben gesetzt werden. Dafür brauchen wir aber nicht das ganze Wirtschaftssystem zu ändern.


Sind die oft langsamen Entscheidungswege der Demokratie denn zu schnellem und effektivem Handeln in der Lage?

Das ist genau die Frage. Unsere Demokratie ist fantastisch, denn hier kann erstmal jede und jeder so leben, wie sie will. Aber gleichzeitig haben wir uns in eine sehr schwierige Situation manövriert. Gut möglich, dass es nötig sein wird, sehr viel härtere Vorgaben zu machen, etwa für die Automobilindustrie oder den Wohnungsbau. Nur mit Freiwilligkeit werden wir manche Ziele nicht erreichen können. Aber nicht die Demokratie ist das Problem, sondern dass viele Menschen sich noch nicht bewusst machen, wie schwer die Krise ist, in der wir stecken, und dass wir sehr dringend etwas tun müssen.


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Angela Wolf 71 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

Malte Stieber 3 Artikel

Malte Stieber ist in der Nähe von Bremen aufgewachsen, lebt seit 2012 in Frankfurt und arbeitet hauptberuflich im Quartiersmanagement in Praunheim.

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