Politik & Welt

Die Frankfurter Reformierten und die Nazi-Herrschaft

Der Historiker Lutz Becht hat anhand von teilweise bisher unbekannten Akten die Geschichte der Frankfurter Evangelisch-reformierten Gemeinde während der NS-Zeit nachgezeichnet.

Lutz Becht, Die Deutsche evangelisch-reformierte Gemeinde Frankfurt am Main im Nationalsozialismus. Foedus-Verlag Solingen 2018. 176 S., 15 Euro.
Lutz Becht, Die Deutsche evangelisch-reformierte Gemeinde Frankfurt am Main im Nationalsozialismus. Foedus-Verlag Solingen 2018. 176 S., 15 Euro.

Die nationalsozialistische Herrschaft von 1933 bis 1945 stellte für viele evangelische Kirchengemeinden eine Zerreißprobe dar. Einerseits erlebten viele ihrer Mitglieder die NS-Machtergreifung als nationalen Aufbruch, der „vieles Morsche, Faule, Trübe und Dunkle weggeschwemmt hat.“

Zugleich befürchteten sie den Versuch, „die innere Unabhängigkeit der Kirche anzutasten, sie als Mittel zu gebrauchen zur Erreichung politischer, staatlicher oder wirtschaftlicher Ziele.“ Beide Zitate stammen aus Artikeln des damaligen Pfarrers der Evangelisch-reformierten Gemeinde, Erich Meyer, die er im April 1933 verfasste, also unmittelbar nach dem Hitler an die Macht gekommen war.

Sie verdeutlichen die Spannung, die das Leben dieser Gemeinde zwölf Jahre lang bestimmen sollte. In der Evangelisch-reformierten Gemeinde in Frankfurt lebten sowohl NSDAP-Mitglieder und Sympathisanten der nazitreuen „Deutschen Christen“ als auch entschiedene Angehörige der Bekennenden Kirche, die staatliche Machtansprüche über die Kirche bekämpfte. Die Gemeinde als ganze schlug sich weder auf die eine noch auf die andere Seite, verteidigte aber mit großem Nachdruck ihre organisatorische Selbständigkeit, die als Wesensmerkmal gerade der Reformierten festgehalten wurde.

Das hatte große Bedeutung. So konnte eine von der nazihörigen Landeskirche unabhängige Pfarrerausbildung über einige Jahre in den Räumen der Gemeinde und ihrer französisch-reformierten Schwestergemeinde durchgeführt werden. Und während die Landeskirche 1942 den Ausschuss „rassejüdischer“ Christen und Christinnen von Seelsorge und Sakramenten beschloss, wurden in der Reformierten Gemeinde auch weiterhin Menschen jüdischer Herkunft getauft und konfirmiert.

Umgekehrt folgte man im Umgang mit Hauptamtlichen jedoch staatlichen Vorgaben in bisweilen „vorauseilendem Gehorsam“. So wurde die „nichtarische“ langjährige Gemeindeschwester Elisabeth Neumann 1939 aus ihrem Dienst und aus der Schwesternschaft der Diakonie entlassen, unter starker Beteiligung von Pfarrer Meyer.

Der zeitweilige Pfarrer Wilhelm Schümer, der in seinen Predigten die Diskriminierung der Juden anprangerte und das Hissen der Hakenkreuzfahne verweigerte, wurde 1937 vom Presbyterium zum Rücktritt gedrängt.

Der Historiker Lutz Becht schildert diese exemplarischen Konfliktfälle ausführlich in seiner neuen, auf teilweise bisher unbekannten Akten fußenden Untersuchung, ebenso wie das spätere Spruchkammerverfahren gegen Pfarrer Meyer.

Bechts nüchternes Fazit: „Der politische und gesellschaftliche Alltag der Jahre 1933 bis 1945 durchdrang die Verkündigung der biblischen Texte und wirkte lange Jahre darüber hinaus in den Konflikten zwischen den Gemeindemitgliedern wie auch der Pfarrer untereinander nach.“ Ein Resümee, durch das weiteres Nachdenken über die gar nicht so ferne Vergangenheit nicht beendet, sondern angeregt wird.


Autor

Lutz Lemhöfer 2 Artikel

Lutz Lemhöfer ist Theologe und Autor. Vor seiner Pensionierung war er Weltanschauungsbeauftragter im Bistum Limburg und in der Katholischen Akademie Rabanus Maurus zuständig für Zeitgeschichte.

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