Politik & Welt

Friedensaktivistin Farhat-Naser: „Gemäßigte werden als dumm und schwach angesehen“

Der Krieg in der Ukraine ist nur eine von vielen bewaffneten Auseinandersetzungen in der Welt. Klar ist: Frieden entsteht nicht automatisch durch ökonomische Verflechtungen, sondern es ist engagierte und nachhaltige Friedensarbeit notwendig. Eine, die sich seit vielen Jahrzehnten für Frieden einsetzt, ist die christliche Palästinenserin Sumaya Farhat-Naser. Auf Einladung der Evangelisch-reformierte Gemeinde, des Zentrums Ökumene und von Pax Christi kam sie zu einem Vortrag nach Frankfurt; wir nutzten die Gelegenheit für ein Interview.

Die palästinensische Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser sprach auf Einladung der Evangelisch-reformierten Gemeinde über ihre Erfahrungen in der Friedensarbeit. | Foto: Rolf Oeser
Die palästinensische Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser sprach auf Einladung der Evangelisch-reformierten Gemeinde über ihre Erfahrungen in der Friedensarbeit. | Foto: Rolf Oeser

Frau Farhat-Naser, Sie leben in Bir Zait, einer Universitätsstadt im Weltjordanland, 10 Kilometer nördlich von Ramallah und 28 Kilometer von Jerusalem entfernt. Wie ist die aktuelle Lage dort?

Katastrophal. Wie nie zuvor. Es gibt keine Aussicht auf politische Verbesserungen, und die Brutalität nimmt zu. Seitens der Polizei wie auch seitens der paramilitärischen Jugend „der Hügel“. Der Name geht auf Ariel Scharon, den Protagonisten der Siedlerbewegung, zurück. Er hat immer gesagt, alle Hügel müssten besetzt werden. Die Hügel-Jugendlichen greifen Dörfer an, machen Autos kaputt, setzen Felder in Brand. Mein Sohn ist Neurologe und arbeitet einen Tag in der Woche in Nablus in Palästina. Um dorthin zu kommen, muss er durch besetzte Gebiete fahren. Jeden Montag haben wir Angst um ihn und rufen ihn jede halbe Stunde an.

Wie handlungsfähig ist die Regierung des Westjordanlandes?

Die Leute haben keinen Respekt mehr vor der Regierung. Das Parlament ist seit acht Jahren eingefroren, es gibt keine Wahlen, der Präsident ist 86 Jahre alt. Die Herrschenden wollen an der Macht bleiben und haben Angst vor Wahlen. Das Sagen haben die Al Fatah Partei und in Gaza die Hamas. Hamas hat Waffen, Raketen. Man schaut auf sie und nicht auf die eigene Regierung. Hass, Zorn und Wut steigen. Gemäßigte werden als dumm und schwach angesehen, die uns nicht aus dieser Misere herausholen können.

Welche Unterstützung erhält Palästina international?

Erst Corona, jetzt der Krieg in der Ukraine: Wir verschwinden aus dem Blick. Für Israel bedeutet das grünes Licht, mehr Land einzunehmen, mehr Häuser zu zerstören, mehr Familien aus Jerusalem und anderswo zu evakuieren. Donald Trump hat uns in seiner Zeit als US-Präsident sehr geschadet. Er hat die Entwicklungshilfe für Palästina gestrichen und das PLO-Büro in Washington geschlossen. Jerusalem ist jetzt die Hauptstadt von Israel, nicht mehr besetztes Gebiet, und auch die Golan Höhen gehören zu Israel. Das wirkt sich im Alltag negativ für uns aus. Wir haben gehofft, dass sich durch die Wahl von Joe Biden etwas ändert. Er wollte uns auch wieder unterstützen. Aber die israelische Regierung ist sehr fragil. Naftali Bennett, der Ministerpräsident, hat Biden überzeugt, die USA nichts für uns tun zu lassen, damit die Regierung nicht zerbricht. Sie hat nur eine sehr knappe Mehrheit.

Macht Sie das alles nicht sehr wütend?

Wut bringt uns nicht weiter. Aber viele halten es hier nicht mehr aus und wandern aus. Die Israelis nennen das „human deportation“. Ich bin auch manchmal verzweifelt. Wir haben auch große Ängste. Wer öffentlich seine Meinung sagt, kann umgebracht werden.

Was hilft Ihnen dann?

Der Gedanke an meine Mutter, die neun Kinder hatte und mich davor gerettet hat, mit 14 Jahren verheiratet zu werden, wie mein Großvater es wollte. Ich bin 1948 geboren. Meine Mutter hat mich auf eine Schule geschickt und dafür gesorgt, dass ich bis zum Abitur bleiben konnte. Sie hat nie aufgegeben und einmal sogar ihren Schmuck für mich verkauft. Ich komme vom Land. Auch die Natur ist für mich immer eine Quelle der Freude. Unser Land ist schön. Die Olivenbäume. Rosmarin und Thymian. Tomaten, Auberginen, Zucchini. Datteln und Feigen.

Sie setzen sich seit Jahren für den Frieden ein. Was tun Sie zurzeit?

Ich arbeite in fünf Schulen mit Jugendgruppen, lehre sie gewaltfreie Kommunikation und spreche mit ihnen darüber, wie man die Situation bewältigen kann. Was mache ich, wenn ich provoziert werde? Wie gehe ich mit all dieser Ungerechtigkeit um? Wie bewältige ich meinen Zorn? Viele Jugendliche sagen jetzt, die Ukrainer werden in ihrem Kampf gegen ungerechte Gewalt von der westlichen Welt unterstützt und wir sollen uns hier nicht gegen Terror wehren dürfen?

Was antworten Sie?

Erstmal bringe ich ihnen die drei Prinzipien der Gewaltlosigkeit bei: Erstens – alle Menschen sind gleich geboren. Zweitens – wir sind gleich, aber auch verschieden. Das ist sehr schön und wir müssen uns gegenseitig respektieren. Drittens – jeder ist mit einem wunderbaren Kern geboren. Ein Diamant, den man zum Glänzen bringen muss. So macht man Frieden mit sich selbst, sage ich den Jugendlichen. Man hat das Recht auf Pause von negativen Erinnerungen, die wir leider durch die vielen Repressalien alle haben. Und das Recht, sich selbst zu lieben. Ich arbeite aber auch mit den Müttern der Jugendlichen.

Warum ist das so wichtig?

Weil sie die Erzieherinnen sind. Was sollen sie tun, wenn ihr Kind eine Bombe legen will? Außerdem haben sie am meisten unter den Zuständen leiden. Auch die Gewalt gegen Frauen nimmt zu. Mädchen werden sehr früh verheiratet, um sie loszuwerden. Und wenn sie selbst kaum Bildung haben, können sie sie auch nicht weitergeben. Ich versuche, Frauen zu ermächtigen, für ihre Rechte kämpfen. Recht auf Bildung! Leider gibt es auch wieder mehr Ehrenmorde.

Wie kommt das?

Stichworte: Corona, Inzest, Scham, die Behauptung, das Mädchen wäre fremdgegangen, damit man sie umbringen kann. Immerhin haben wir es vor zwei Jahren geschafft, dass Ehrenmorde als kriminelle Tat gewertet werden und die Verbrecher verurteilt und ins Gefängnis kommen. Vorher bekamen sie nur ein paar Monate. Trotzdem ist der Ehrenmord, auch in den Köpfen von Frauen, wie ich immer wieder mit Erschrecken feststelle, noch sehr verankert.

Reden Sie auch mit den Vätern?

Ja, immer mehr. Und das ist fantastisch. Auch ihnen versuche ich zu zeigen, dass man mit Streit anders umgehen kann als mit Schlagen, mit Gewalt. Am Schönsten ist es, mit jungen Brautpaaren zu reden. Sehr lohnend. Zum Glück bin ich nicht allein. In jedem Dorf, wo ich hingehe, gibt es graduierte Sozialpädagogen oder Psychologen, die Friedensarbeit machen.

Was hat Sie geprägt?

Die deutsche Internatsschule bei Bethlehem, auf der ich lernen durfte, geleitet von Kaiserswerther Diakonissen: Christlich und von preußischer Disziplin geprägt. Über diese Schule kam ich nach Hamburg, konnte Biologie, Geographie und Erziehungswissenschaften studieren. Auch das hat mich geprägt. Die Studentenrevolte. Die Aktivitäten an der Universität. Ich war auch eine der ersten, die mit israelischen Frauen gesprochen hat. Wir haben gelernt, in Respekt und Würde zu streiten, auf Augenhöhe. Nicht als Besetzer und Besetzte. Wir wollen doch alle dasselbe. Ruhe, Zufriedenheit, Sicherheit, normales Leben, Freude am Leben. Ich glaube an die Menschlichkeit in jedem Menschen. Von 1997 bis 2001 habe ich ein Frauenzentrum in Ost-Jerusalem geleitet, wo israelische und palästinensische Frauen für den Frieden arbeiten konnten. Aber seit 18 Jahren ist die Begegnung von Israelis und Palästinensern verboten. Man will nicht, dass die Menschen sich begegnen. So kann sich das Feindbild immer mehr etablieren.

Was muss sich grundlegend ändern?

In diesem Land leben zwölf Millionen Menschen. Die Hälfte sind Jud:innen, die andere Hälfte Palästinenser:innen. Unser Land ist groß genug. Wir brauchen gegenseitigen Respekt und Anerkennung der Rechte. Das ist machbar. Wir haben tolle Leute auf beiden Seiten, die das verwirklichen könnten. Der Zionismus war gut für die Juden, damit sie eine Heimat finden konnten. Aber jetzt brauchen wir dringend eine postzionistische Ideologie.

Zum Weiterlesen: Sumaya Farhat-Naser: Ein Leben für den Frieden: Lesebuch aus Palästina. Lenos Verlag 2017, 301 Seiten, Euro 19,80.


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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