Politik & Welt

Judenhass auf dem Fußballfeld: Makkabi-Spieler sprachen über Antisemitismus

Makkabi-Präsident Alon Meyer findet, dass manche Vereine zu lasch mit antisemitischen Vorfällen umgehen. Er und zwei Spieler sprachen im Rahmen der Wintervorträge der evangelisch-reformierten Gemeinde über Judenhass im Jugendfußball.

Jugendliche Kicker vom Sportverein Makkabi und Vereinspräsident Alon Meyer wren zu Gast bei den Wintervorträgen der evangelisch-reformierten Gemeinde zum Thema Antisemitismus. | Foto: Rolf Oeser
Jugendliche Kicker vom Sportverein Makkabi und Vereinspräsident Alon Meyer wren zu Gast bei den Wintervorträgen der evangelisch-reformierten Gemeinde zum Thema Antisemitismus. | Foto: Rolf Oeser

Als Spieler des Frankfurter Vereins Makkabi schlägt sich Noam auf dem Fußballplatz nicht nur mit Bällen herum. Besonders in den U 12-Mannschaften hätten Gegenspieler das Makkabi-Team häufiger als Scheiß Juden“ beschimpft, erinnert sich der heute Fünfzehnjährige. Auch seien „die Zweikämpfe härter als sonst“ gewesen. Einmal habe sogar ein Trainer seine Leute mit „Tretet die Juden“ angefeuert. Dabei spielten bei Makkabi Jugendliche aus vielen Nationen und Religionen – auch Christen, Muslime und Atheisten.

Bei den Wintervorträgen in der evangelisch-reformierten Gemeinde, die sich unter der Überschrift „Aufeinander hören – miteinander reden“ noch bis Ende Februar dem Thema „Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart“ widmen, erzählten Noam und sein gleichaltriger Freund David von ihren Erfahrungen auf dem Fußballplatz. Antisemitismus sei zwar nicht die Regel, aber in manchen Vereinen würden doch einzelne Spieler immer wieder ausfällig werden. In solchen Fällen wendeten sie eine bewährte Taktik an: „Lächeln und weiter spielen“.

Neben den von Eltern übernommenen Vorurteilen schreibt David die antisemitischen Attacken zum Großteil Unkenntnis zu. Unfassbare Defizite erlebte er auch nach seinem Wechsel von der jüdischen Schule auf ein privates Gymnasium. Als dort irgendwann sein Jüdisch-Sein zur Sprache kam, seien seine Klassenkameraden völlig überrascht gewesen und hätten gesagt: „Du bist Jude? Aber du siehst ja genauso aus wie wir!“

Wenngleich Noam auf der Anna-Schmidt-Schule derlei Begebenheiten erspart geblieben sind, hätten ihm Freunde aus anderen Schulen ähnliche Vorfälle berichtet. Für David und Noam steht fest: „Über das Judentum müsste viel mehr aufgeklärt werden.“

Das findet auch der Präsident von Makkabi Deutschland und Makkabi Frankfurt, Alon Meyer. Wie er im Gespräch mit Pfarrerin Susanne Bei der Wieden kritisierte, werde „in den Schulen das Judentum nur im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus thematisiert“. Da die jüdische Gegenwart völlig unter den Tisch falle, bleibe „das Selbstverständnis der neuen deutschen jüdischen Generation unbekannt“.

Dass dies abstrusen Vorstellungen und Antisemitismus Raum gewährt, bekomme man auch beim Fußballspiel zu spüren. „In den vergangenen Jahren gibt es eine so hasserfüllte und aggressive Stimmung wie nie zuvor“, sagte Alon Meyer. „Auf dem Platz werden wir oft in jüdische Gesamthaftung genommen, wenn im Nahen Osten irgendetwas passiert.“

Die Übergriffe erstreckten sich von „Schreiereien über Handgreiflichkeiten bis Messerattacken“, wie der Trainer der jüdischen Jugend Nationalmannschaft im ganzen Land beobachten muss. In Frankfurt, wo der Turn- und Sportverein Makkabi 1600 Mitglieder zählt – rund 300 davon Jüdinnen und Juden – hätten deshalb immer mehr Eltern Angst, ihre Kinder zu Makkabi zu schicken.

Umso mehr empöre ihn das Verhalten der Sportverbände, bei denen große Ignoranz herrsche. Als etwa ein 16-Jährige während eines Spiels „Euch Scheiß Juden hat man vergessen zu vergasen“ brüllte, habe der gegnerische Verein alles abgestritten. Auch beim Hessischen Fußballverband sei der Fall anschließend offenbar in die Schublade gewandert, denn obwohl der ebenfalls beschimpfte Schiedsrichter den Vorfall bestätigte, tat sich ein halbes Jahr lang nichts. Erst als der Hessischen Rundfunk darüber berichtete, meldete sich der Verband bei Alon Meyer.

Er hat es sich deshalb zur Regel gemacht, konsequent jeden antisemitischen Vorfall zu melden. Dabei gehe es ihm nicht um Bestrafung, betont der mit dem Integrationspreis seiner Geburtsstadt Frankfurt bedachte 44-Jährige. Meyer wünscht sich vielmehr, dass sich die Verbände mehr engagieren und etwa die betreffenden Spieler in Mediationen schickt.

Was die eigenen Mitglieder betrifft, so habe Makkabi vor kurzem gemeinsam mit der Bildungsstätte Anne Frank ein Pilotprojekt auf den Weg gebracht. „Die Leute werden hier im angemessenen Umgang mit Antisemitismus trainiert. Wir wollen bei Makkabi Botschafter für das Gute sein“, sagt Alon Meyer. Zum Glück komme es nur in bestimmten Vereinen zu antisemitischen Ausfällen: „Ich bin froh, dass in Deutschland 80 Prozent der Menschen keine Antisemiten sind.“

Nach dem historischen Exkurs von Ute Loeiro kann man nur hoffen, dass er mit dieser Einschätzung richtig liegt. In der „Arbeitsgruppe Antisemitismus“ des Stehenden Presbyteriums der evangelisch-reformierten Gemeinde aktiv, hatte sie zu Beginn des Abends die Geschichte von Antijudaismus und Antisemitismus skizziert. Dabei zeigte sie auf, dass man schon im alten Ägypten Juden für den Niedergang des Reiches verantwortlich machte, das Römische Imperium den Antijudaismus übernahm – als das Christentum Staatsreligion wurde in verschärfter Form – und in den Kreuzzügen und den Judenpogromen im Mittelalter fortgesetzt wurde.

Im 15. Jahrhundert habe man im Rahmen der spanischen Reconquista angeschürt durch das Blutreinheitsprinzip die Kategorien Achtel-, Viertel- und Halbjude eingeführt. Anfangs zurückhaltend, später gehässig, hetzte im Gegensatz zu Zwingli und Calvin bekanntlich auch Martin Luther gegen Juden. Der Umschlag von Antijudaismus zu Antisemitismus sei in der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgt, als Juden im deutschen Kaiserreich gehobene Stellungen und Positionen erlangten. Die Nationalsozialisten zielten schließlich auf die Ausrottung der Juden ab. Zum Entsetzen von Ute Loeiro nehmen in den letzten Jahren antisemitische Attacken wieder deutlich zu. Die „derzeit größte Gefahr“ sehe sie im „Antisemitismus der sogenannten Mitte“. Dort würden Vorurteile und Anfeindungen inzwischen offen formuliert, nicht selten verbrämt hinter der rhetorischen Frage: „Es darf doch wohl erlaubt sein, Israel zu kritisieren.“

Veranstaltungstipps:

Am Donnerstag, 31. Januar, 19 Uhr, geht der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, unter dem Titel „Kritik an israelischer Politik oder israelbezogener Antisemitismus? Grenzen und Grauzonen“ dem antiisraelischen Antisemitismus nach.

Am Donnerstag, 21. Februar, 19 Uhr, widmet sich Chasan Daniel Kempin, Kantor des Egalitären Minjan in der Jüdischen Gemeinde und Mitbegründer des Interreligiösen Chors in Frankfurt, der Rolle des Singens am Shabbat und zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum christlichen Sonntagsgottesdienst und der Gestaltung des Sonntags auf.

Am Montag, 25. Februar, 18 Uhr, liest der frühere stellvertretende Spiegel-Chefredakteur Martin Doerry aus dem von ihm herausgegebenen Buch „Mein verwundetes Herz – das Leben der Lilli Jahn 1900-1944“. Der fast vollständige erhaltene Briefwechsel zwischen der in Auschwitz ermordeten jüdischen Ärztin und ihren Kindern, gibt ein bewegendes Zeugnis von der Brutalität des NS-Regimes.

Evangelisch-reformierte Gemeinde, Freiherr-vom-Stein-Straße 8, Westend, Eintritt frei


Autorin

Doris Stickler 27 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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