Politik & Welt

„Kinder kommen als Demokrat:innen auf die Welt“

Hanna-Lena Neuser, kommissarische Direktorin der Evangelischen Akademie Frankfurt, spricht über den Schüler:innen-Protest bei einer Podiumsdiskussion mit dem hessischen Kultusminister Alexander Lorz.

Kinderdemo vor der Evangelischen Akademie. | Foto: Mathis Eckert
Kinderdemo vor der Evangelischen Akademie. | Foto: Mathis Eckert

Frau Neuser, die Evangelische Akademie hatte vergangene Woche den hessischen Kultusminister Alexander Lorz auf dem Podium, es ging um die Bildungsgerechtigkeit in Hessen. Vor der Tür demonstrierten Grundschüler:innen und Eltern für mehr Lehrerinnen und Lehrer. Wie fanden Sie das? 
Ich fand das super. Ich bin selbst auch in der Schule politisiert worden. Erst schaute ich raus auf den Römerberg, hörte die Trillerpfeifen und dachte: Huch, es ist doch gar nicht Montag. Montags sind hier öfters Kundgebungen. Es war aber Dienstag. „Wir wollen Lehrer, wir wollen Lehrer“, skandierten die Kinder und wollten vor der Tür mit Alexander Lorz sprechen, weil sie seit Sommer keine Klassenlehrerin mehr haben.

Durften sie? 
Na klar. Obwohl streng genommen der Kultusminister für das Problem vielleicht nicht der beste Ansprechpartner war, denn es ging eigentlich um die schleppenden Einstellungsverfahren beim Stadtschulamt. Aber das macht nichts. Ich habe mich über das Engagement gefreut, es hat mich an meine eigene Schulzeit in Frankfurt-Griesheim erinnert. Die Kinder haben dem Kultusminister dann auch vor der Veranstaltung ihr Problem geschildert. Das war toll zu sehen.

Was war da los? 
Unsere Schule war damals mit Asbest verseucht, wir haben dann vor dem Gebäude gestreikt. Wir sind dann auch mit dem Schulamt in Kontakt getreten und bekamen schlussendlich eine neue Schule. Wir durften sogar an den Plänen zum Neubau mitarbeiten. Ich merkte: Man kann etwas bewegen, wenn man aktiv wird, eine ganz wichtige Erfahrung für mich. Ich wünsche den Drittklässler:innen mit den Plakaten, dass sie das auch erleben dürfen.

Waren die Kinder und ihre Eltern dann auch bei der Podiumsdiskussion dabei? 
Am Anfang ja. Ich habe sie gerne hereingebeten, obwohl ich dann kurz Angst hatte, dass sie weiter in ihre Trillerpfeifen blasen und damit das ursprünglich geplante Gespräch erschwert wird. Das haben sie aber nicht getan. Es lief alles friedlich ab. Kinder, Eltern, das gesamte Publikum haben die einzelnen Perspektiven auf dem Podium angehört und interessierte Nachfragen gestellt. Natürlich stand der Kultusminister in besonderer Weise im Fokus. Aber das gesamte Gespräch hat viele spannende Denkanstöße gegeben. Das Thema bleibt aktuell und muss dringend stärker in der Öffentlichkeit thematisiert und problematisiert werden.

Was raten Sie den Schüler:innen, wie es jetzt weitergehen soll?  
Sie sollen unbedingt weitermachen mit ihrem Protest, vielleicht nochmal eine größere Demo organisieren und sich auch an den Stadtschüler:innenrat wenden. Und sich vielleicht auch mit den Eltern und deren Verbänden zusammentun. Und ich könnte mir vorstellen, dass sogar Gewerkschaften die Idee eines solchen Protests unterstützen würden. Ich glaube, dass Kinder als Demokrat:innen auf die Welt kommen, mit dem Wunsch, mitzugestalten. Wir sind in der Akademie immer offen für die Themen von Kindern und Jugendlichen.


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Anne Lemhöfer 122 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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