Politik & Welt

Pychologische Analysen rechter Propaganda und Gewalt

„Populismus, Paranoia, Pogrom“ heißt ein Sammelband, den die Frankfurter Initiative 9. November zusammen mit den Psychoanalytikern Kurt Grünberg und Wolfgang Leuschner herausgegeben hat. Er beschäftigt sich mit strukturellen un individuellen Verbindungen zwischen heutigen rechtspopulistischen Bewegungen und der deutschen Vergangenheit.  

Kurt Grünberg/Wolfgang Leuchschner/Initiative 9. November (Hg): Populismus, Paranoia, Pogrom. Affekterbschaften des Nationalsozialismus. Brandes & Apsel 2017, 184 Seiten, 19,90 Euro.
Kurt Grünberg/Wolfgang Leuchschner/Initiative 9. November (Hg): Populismus, Paranoia, Pogrom. Affekterbschaften des Nationalsozialismus. Brandes & Apsel 2017, 184 Seiten, 19,90 Euro.

Die Beiträge des Bandes untersuchen in Anlehnung an Alfred Lorenzers tiefenhermeneutisches Konzept des „szenischen Verstehens“ heutige Tendenzen rechtsradikaler Gewalt und völkischer Propaganda auf der Folie unbewusster „Affekterbschaften des Nationalsozialismus“ – wie es im Untertitel heißt. Es wird davon ausgegangen, dass die Strukturen nationalsozialistischer Propaganda  und vor allem die Errichtung kollektiver Feindbilder über nonverbale Interaktionen tradiert werden und zu kollektiven Re-Inszinierungen führen. Eine zentrale These ist, dass die Affektlogiken des Nationalsozialismus – wie sie etwa im Antisemitismus kulminierten – durch rechte Propaganda jederzeit wieder aktiviert werden können.

In mehreren Beiträgen – so etwa in „Paranoia und Politik“ von Hajo Funke – werden die psychischen Mechanismen beschrieben, die zur Errichtung eines paranoiden Feindbildes führen: Gefühle der eigenen Unzulänglichkeit, des Scheiterns sowie des Verlustes von Sicherheiten werden projektiv ausgelagert: Das Bild des mit dem eigenen Hass aufgeladenen Fremden (einst Juden, heute Flüchtlinge und Muslime) kehrt das Verhältnis von Verfolger und Opfer auf wahnhafte Weise um. Rechte Propaganda, wie sie etwa bei den Kundgebungen von Pegida, HoGeSa oder der AfD laut wird, stelle Deutungsmuster zur Verfügung, über die vorhandene paranoide Dispositionen entfacht werden und in Pogromstimmungen und Gewalt umschlagen können.

Analysen der Mechanismen gesellschaftlicher Ausgrenzung, Diskriminierung und Schuldzuweisung und deren Umschlagen in Gewalt unternimmt Joachim Brenner am Beispiel der Sinti und Roma, Katrin Einert im Hinblick auf das Stanford Prison Experiment von 1971, Iris Bergmiller-Fellmeth anhand einer Erzählung von Alexander Tišmas, die den Seelenregungen eines Folterers nachgeht. Ein Beitrag von Dietmar Becker analysiert Befehl und Gehorsam als doppelte Struktur von Unterwerfung und Auszeichnung, Zumutung und Vertrauensbeweis und lotet das Zusammenspiel von externer Gewalt und Unterwerfungsbereitschaft aus. 

Konformitätsdruck und Unterwerfungsbereitschaft allein, so Wolfgang Leuschner in seinem Beitrag über die „Psycho- und Soziogenese rechter Gewalt“, führe jedoch nicht zu Ausgrenzung, die Dynamik speise sich vielmehr aus anachronistischen Antrieben und unbewussten Motiven. Immer wieder wird in den einzelnen Beiträgen auf die Bedeutung der Aggression in der frühkindlichen Entwicklung hingewiesen; so geht Leuschner davon aus, dass die Wurzeln von Fremdenfeindlichkeit in die frühe Kindheit reichen, wo die existenzielle Abhängigkeit von den primären Bezugspersonen eine für das Kind unerträgliche Vernichtungsangst und Vernichtungswut erzeugen könne, welche durch Projektion, Spaltung und Idealisierung abgewehrt werden müsse. Dieser frühen Triebstruktur folge die Affektlogik rechtsextremer Propaganda: Mit Hinweis auf frustrierend und bedrohlich erlebte aktuelle Einschränkungen wecke sie frühkindlichen Hass und mache ihn scharf für ein wahnhaftes Denken, das sich auf die Vernichtung des anderen richte, um nicht selbst vernichtet zu werden. Diese regressive Tiefendynamik des Populismus ziele auf das Aussetzen kausaler Zusammenhänge des Denkens, wodurch Wahr und Falsch ununterscheidbar würden, Fakten verworren und Geschichte umgedeutet wird.

Jan Lohl stellt in seinem Beitrag ein am Sigmund Freud Institut laufendes Forschungsprojekt vor, das rechte Propaganda auf die in ihr angelegten Mechanismen der emotionalen Beeinflussung und Lenkung untersucht, und entfaltet im Zuge dessen differenziert das methodische Vorgehen der Tiefenhermeneutik Lorenzers. Am Beispiel einer Rede von Björn Höcke beschreibt Lohl den zerstörerischen Effekt rechter Propaganda für das Selbstgefühl und zeigt auf, wie durch die Errichtung eines dichotomen Bildes vom „deutschen Volk“ gleichzeitig Gefühle der Größe wie der Bedrohung und Ohnmacht geschürt werden. Genau diese Ambivalenz aktiviere die frühkindlichen Abwehrmechanismen der Spaltung und Projektion, welche die Wahrnehmung auf ein paranoides Feindbild hin organisieren und Gewaltbereitschaft erzeugen.

Während Propaganda mithin das Feindbild als alternativlos festschreibe, sei es nötig, kreative Lösungen faktischer gesellschaftlicher Missstände zu suchen und aufzuzeigen – Alternativen zu Feindseligkeit, Radikalisierung und Gewalt, die eine Zukunftsperspektive für alle schaffen. In diesem Zusammenhang ist gerade die selbstbeobachtende Differenzierung der eigenen emotionalen Reaktionen im Sinne des „szenischen Verstehens“ eine Möglichkeit, sich nicht manipulieren zu lassen und das eigene Denken und Handeln angesichts beängstigender Entwicklungen in kreative Bahnen zu lenken. 

In den Beiträgen wird diese Methode leider nur selten differenziert entfaltet, sodass ihr Potenzial fachfremden Leserinnen und Lesern größtenteils verborgen bleiben dürfte. Das ist bedauerlich und wirft einmal mehr die Frage auf, wie wissenschaftliche Analysen einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden können – ein Kapitel für sich, das einer eigenständigen Reflexion des Publikationsprozesses bedarf. Ein sorgfältiges Schlusslektorat könnte Teil dieser Überlegungen sein.   


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Autorin

Silke Kirch 48 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.