Politik & Welt

Wie digital muss Schule sein?

Die Herausforderungen der Corona-Pandemie haben auch eine Debatte über die Möglichkeiten der Digitalisierung an Schulen ausgelöst. Sind sie wirklich so groß, wie viele hoffen? Oder lebt gute Bildung nicht doch in erster Linie vom persönlichen Kontakt? Auch unsere Redakteurinnen Angela Wolf und Anne Lemhöfer sind dazu unterschiedlicher Ansicht.

Wie lernen Kinder am Besten? Über Sinn und Unsinn digitaler Lernangebote gehen die Meinungen auseinender. | Foto: Taylor Wilcox/Unsplash.com
Wie lernen Kinder am Besten? Über Sinn und Unsinn digitaler Lernangebote gehen die Meinungen auseinender. | Foto: Taylor Wilcox/Unsplash.com

Einerseits: Dass wir Digitalisierung an Schulen brauchen, ist gar keine Frage. Über das Wie muss diskutiert werden – und zwar schleunigst. (Angela Wolf)

Die Coronakrise hat viele Schwachstellen in der Bundesrepublik aufgedeckt. Besonders deutlich: die Baustellen rund um Kinder, Familien, Betreuung und Bildung. Eine wenig durchsetzungsfähige Familienministerin, die es nicht in die Corna-Task-Force der Bundesregierung schaffte. Ein förderalistisches System, das Partikularinteressen in den Vordergrund stellt. Zum Beispiel beim Digitalpakt: Kostbare Zeit auf dem Weg zur Digitalisierung unserer Schulen wurde damit vergeudet, dass sich die Länderchefs nicht in Hoheitsfragen der Bildung reinreden lassen wollten. Denn: Bildung ist Ländersache. Der Bund wollte mehrere Millionen zuschießen, um eine längst überfällige Digitalisierung voranzutreiben. Es bedurfte einer Grundgesetzänderung. Erst nach langem Ringen wurde der Weg durch den Bundesrat freigemacht.

Und nun: Die Umsetzung ist das reinste Trauerspiel. Einige Bundesländer, darunter Hessen, haben bislang keinen Cent aus dem Fördertopf ausgeschüttet. Keine Konzepte. Keine Ideen.

Als die Schulen geschlossen hatten, kam es vor, dass Lehrerinnen und Lehrer in Stadtteilen umherirrten, um ihren Schüler*innen analoge Postpakte zukommen zu lassen, gefüllt mit Schulmaterialien, die sie gemeinsam mit ihren Eltern im Homeschooling erledigen sollen. Andere schickten Megabytes an Unterrichtsmaterialien von ihren privaten E-Mail-Accounts (das Einrichten einer E-Mail-Adresse über die Schule ist nicht möglich!), die die Kinder am privaten Drucker (falls einer vorhanden ist) ausdrucken sollten. Geht‘s noch?

Es mag ja retro anmuten und ist auch irgendwie total persönlich, wenn da Post von der Lehrerin kommt. Die Kinder allerdings sind längst in einer völlig anderen Lebenswelt angekommen. In der digitalen nämlich: Die Dreijährige weiß längst, wie man ein iPhone entsichert. Der Zwölfjährige, wo man sich den Satz des Phythagoras erklären lässt, nämlich bei YouTube. Unzählige Schulen sind nicht mit WLAN ausgestattet, da ist man in jedem Starbucks besser bedient. Und die Hardware: Röhrenbildschirme. Aus den 90ern. Auf einen kommen fünf Schüler*innen. Die allseits beliebte Anton-App, privat über die Lehrkraft besorgt, läuft auf den eigenen Tablets und nur Zuhause.

Die schlechte digitale Infrastruktur an den Schulen erhöht die soziale Spaltung unter den Kindern: Glücklich sind die, die ein eigenes Tablet und zuhause einen guten Internetanschluss haben. Das ist nur schlecht. Nicht zeitgemäß. Beschämend.

Eine ganze Generation von Schüler*innen kann eine solche Politik nicht ernst nehmen. Sie stellen sich zurecht die Frage, warum an den Schulen alles irgendwie total langweilig ist, während die Technik längst auf einem ganz anderen Stand ist. Es gibt eine Fülle an kostenlosen Apps: Musik, Zeichnen, 3D, Knobelspiele, wissenschaftliche Experimente, Programmieren. Die Möglichkeiten sind unendlich. Und die Kids wissen das. Wenn da der Overheadprojektor in den Klassenraum gerollt wird, ist die Glaubwürdigkeit von Lehrkräften dahin.

Die meisten Schülerinnen und Schüler sind bereits Digital Natives. Was ihnen allerdings oft fehlt, ist der kritische Umgang mit der Technnik und ihren Möglichkeiten. Genau dort muss Bildung ansetzen. Wir brauchen Schulen mit agilem Unterricht und einer Technik auf der Höhe der Zeit. Entsprechend muss das Curriculum der Lehramtsstudiengänge angepasst werden, und die Lehrkräfte entsprechend fortgebildet. Das alles hätte eigentlich schon längst geschehen müssen.



Andererseits: Lernen ist Begegnung, und Bildung funktioniert nur im direkten Austausch mit Menschen aus Fleisch und Blut. Deshalb dürfen wir die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht überschätzen. (Anne Lemhöfer)

Schulen müssen endlich digitaler arbeiten, sonst verlieren unsere Kinder den Anschluss: Das ist eins der großen Bildungsnarrative, die in der Coronakrise an Fahrt gewonnen haben. Die schriftliche Division mit Übertrag und den Zitronensäurezyklus allein am iPad im Jugendzimmer lernen, ganz ansteckungsfrei und ohne störende Gesichtsmaske: Klingt logisch, wenn draußen eine Pandemie mit ungewissem Ausgang lauert. Dorothee Bär, die seit 2018 im Auftrag der Bundesregierung die Digitalisierung der Schulen vorantreiben soll, trommelt schon länger dafür, Jugendliche nicht nur in der Freizeit ans digitale Endgerät zu lassen. „Schüler brauchen heute vor allem drei Dinge: ein Tablet, ihre Sportsachen und das Schulbrot.“  

Merkwürdig nur, dass ausgerechnet die Tech-Elite das anders sieht. In Los Altos, Kalifornien, platzt die Warteliste der „Waldorf School of the Peninsula“ mitten im Silicon Valley aus allen Nähten. Computer sind an der Schule verboten, dafür blüht der Schulgarten. Dort sind jene Mütter und Väter zuhause, die all die Großartigkeiten der Postmoderne erfunden haben: Google und das iPad, Twitter und YouTube, Facebook und die ganzen schönen Apps, die unseren Alltag  leichter machen. Doch ihre eigenen Kinder sehen die IT-Nerds lieber in der Erde buddeln, fürs Aufwachsen in der künstlichen analogen Filterblase bezahlen sie gerne viel Geld. Alan Eagle ist Kommunikationschef bei Google und sagt: „Die Idee, dass eine App meinen Kindern besser als eine Lehrkraft Lesen oder Arithmetik lehren kann, ist lächerlich. Bei Google und diesen ganzen Unternehmen arbeiten wir daran, Technologie so idiotensicher wie möglich zu machen. Es gibt keinen Grund, weshalb Kinder das nicht selbst herausbekommen sollten, wenn sie älter sind.“ Er hat Kolleginnen und Kollegen, die ihre Nannies per Vertrag dazu verpflichten, Tablet und Smartphone unter Verschluss zu halten.

„No Screen Time!“ ist der Schlachtruf des US-amerikanischen Bildungsbürgertums. Digitale Konzepte hingegen sollen vor allem die Benachteiligten erreichen. So zielt etwa die „Digital Preschool“ auf solchen Familien, die eine teure private Vorschule, wie sie in den Suburbs der Mittelschicht zum guten Ton gehört, nicht bezahlen können. Weil Unterricht aus der Konserve immer noch besser ist als kein Unterricht. Und Analog das neue Bio, das man sich eben leisten können muss.

Ohne Not sollten wir den analogen Raum Schule deshalb nicht opfern, wenn wir für unsere Kinder nur das Beste wollen. Denn entscheidend für den Lernerfolg ist die Persönlichkeit der Lehrerin oder des Lehrers aus Fleisch und Blut. Mit dieser Erkenntnis machte vor einigen Jahren der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie von sich reden. Schule ist Begegnung. Die meisten Jugendlichen verbringen als Digital Natives sowieso schon viele Stunden am Tag in digitalen Räumen, sie werden ihr Berufsleben größtenteils am Computer verbringen, ihre Partner online finden und Freundschaften über WhatsApp pflegen. Lasst unseren Kindern wenigstens das letzte analoge Refugium, in dem sie erfahren können, dass die Welt nicht nur aus Pixeln, Bits und Bytes besteht. 

Die Schule als sozialer Ort für alle Schichten ist so wichtig, wie es Krankenhäuser und die Müllabfuhr für eine funktionierende Gesellschaft sind. Diese Einsicht darf auch in der Pandemie nicht wanken. Die Digitalisierung der Schulen wird nicht nur maßlos überschätzt. Sie ist auch gefährlich. Bereits jetzt, nach ein paar Monaten Homeschooling, kristallisiert sich das Berufsbild der Hauslehrer*innen für die gehobenen Stände heraus. Weil kein YouTube-Video schafft, was ein engagierter Mensch live und in Farbe vermitteln kann.

Das Problem auch am sehr gut durchdachten Homeschooling ist, dass es mit dem Engagement der Eltern steht und fällt, und damit die soziale Kluft verstärkt. Und zwar egal ob analog oder digital. Der Präsenzunterricht muss gewährleistet werden - warum nicht Turn- und Messehallen zu Klassenzimmern umfunktionieren, wenn so der Abstand eingehalten werden kann? Und bei gutem Wetter: Tische raus. Das Internet funktioniert auch wunderbar nach Schulschluss.


Verfasst von

Angela Wolf 57 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

Anne Lemhöfer 74 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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