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"Jeder Euro, der in die Suchtberatung investiert wird, spart der Gesellschaft etwa 28 Euro"

Die Evangelische Suchtberatung fordert kostendeckende Finanzierung ihrer Arbeit.

Martin Meding ist Leiter der Evangelischen Suchtberatung in Frankfurt. |
Martin Meding ist Leiter der Evangelischen Suchtberatung in Frankfurt. | Bild: Foto: Pamela Balladares

Am Donnerstag, den 10. November 2022, findet der bundesweite Aktionstag Suchtberatung mit dem Schwerpunkt „Wir sind für alle da … noch“ statt. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. informiert in ihrer Pressemitteilung zum Aktionstag, dass viele Beratungsstellen weniger öffentliche Gelder erhielten und ihr Angebot reduzieren müssten. Auch Martin Meding, der Leiter der Suchtberatung der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach, berichtet von langen Wartelisten für Erstgespräche und warnt vor den Folgen für Suchterkrankte.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. warnt vor den Folgen einer Unterfinanzierung der kommunalen Suchtberatung. Wie sieht das konkret für Ihre Beratungsstelle aus?
Meding:
Die Arbeit unserer Beratungsstelle wird zu etwa einem Drittel aus Mitteln des Trägers finanziert. Einen erheblichen Anteil erwirtschaften wir selbst, das sind zum Beispiel Einnahmen, die wir aus der Durchführung von ambulanten Rehamaßnahmen oder über Spenden erhalten. Etwa die Hälfte der Kosten trägt die Stadt Frankfurt über Pauschalzahlungen. Diese werden zwar jährlich angepasst, die Steigerungen sind aber nicht ausreichend, um weiteres Personal zu finanzieren, das wir dringend benötigen. Während uns in 2015 noch 450 Suchterkrankte aufgesucht haben, waren es in 2022 900. Das ist eine Steigerung von 100 Prozent!

Wie wirkt sich die Unterfinanzierung auf Ihre Arbeit aus?
Meding:
Wir versuchen vor allem, effektiver zu arbeiten. Zum Beispiel haben wir früher mehrere Beratungsgespräche geführt, bis wir festgestellt haben, ob eine Person für eine Entwöhnungstherapie geeignet ist. Heute geschieht das bereits nach einem Gespräch. Außerdem haben wir unser Angebot spezialisiert und beraten nur noch in den Bereichen Alkohol-, Glücksspiel- und Medikamentensucht. Trotzdem müssen Ratsuchende mittlerweile im Schnitt vier bis sechs Wochen auf ein Erstgespräch warten. Das ist wirklich frustrierend, denn gerade ihnen müssten wir ein zeitnahes Beratungsangebot machen, um sie in dieser wichtigen motivierten Phase nicht wieder zu verlieren.

Warum braucht es ambulante Suchtberatungsstellen?
Meding:
Neben der kostenlosen Suchtberatung haben die ambulanten Beratungsstellen auch eine wichtige koordinierende Funktion. Wir geben den Klient:innen Empfehlungen zu passenden Therapiemethoden, vermitteln an Entgiftungs-und Entwöhnungskliniken und bieten Unterstützung nach dem Klinikaufenthalt an, zum Beispiel durch eine weitere Beratung oder eine Vermittlung an Selbsthilfegruppen. So stellen wir sicher, dass Suchterkrankte zu jedem Zeitpunkt die richtige Hilfe erhalten. Wir beraten außerdem Angehörige von Suchterkrankten und kooperieren mit Schulen, Betrieben, Krankenhäusern und Selbsthilfegruppen. Und auch, wenn wir mittlerweile Wartelisten führen: Menschen in akuten Krisensituationen bieten wir immer auch kurzfristige Termine an.

Was muss sich verändern, damit Sie in der Suchtberatung weiterhin gut arbeiten können?
Meding: Wir brauchen vor allem eine verlässliche Finanzierung, die die Beschäftigung von ausreichend Personal ermöglicht. Nur so können wir die steigende Nachfrage bei gleichbleibend hoher Qualität unserer Beratungsarbeit bewältigen. Langfristig entlastet das auch die öffentlichen Haushalte. Denn jeder Euro, der in die Suchtberatung investiert wird, spart der Gesellschaft etwa 28 Euro, die durch die Folgen von Suchterkrankungen entstehen, wie etwa Arbeitslosigkeit oder teure Klinikaufenthalte.


Autorin

Elisa Naderi 16 Artikel

Öffentlichkeitsarbeit, Fachbereich I: Beratung, Bildung, Jugend des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach.