Politik & Welt

Welch ein Massaker, welch ein Irrsinn: Frauen gegen den Ersten Weltkrieg

War die Euphorie der Deutschen für den Ersten Weltkrieg wirklich so ungeteilt wie die damalige Propaganda es behauptete? Viele, sehr viele Frauen jedenfalls waren damals kritisch. Die Frankfurter Autorin Barbara Englert hat ihnen und ihren Einwänden jetzt ein Buch gewidmet.

Barbara Englert, Der Große Krieg und die Frauen, Edition Faust, Frankfurt 2017, 268 Seiten, 24 Euro.
Barbara Englert, Der Große Krieg und die Frauen, Edition Faust, Frankfurt 2017, 268 Seiten, 24 Euro.

Die Euphorie zu Beginn des Ersten Weltkriegs löste bei Marie Curie blankes Entsetzen aus. Während alle glaubten, dass „der Kampf zwar rau sein, aber gut enden werde“ warnte die zweifache Nobelpreisträgerin: „Welch ein Massaker werden wir erleben und welcher Irrsinn, es geschehen zu lassen.“ 

Ihr Mahnruf verhallte ebenso ungehört wie die kritischen Stimmen vieler ihrer Zeitgenossinnen. Bis heute ist kaum bekannt, wie viele Frauen sich damals dem Hurrapatriotismus in Worten und Taten entgegenstellten. Wer weiß schon, dass man die Schriftstellerin Annette Kolb wegen ihrer öffentlichen Ablehnung des Krieges ins Gefängnis steckte, dass die Juristin Anita Augspurg 1915 den Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag organisierte, dass sich die Chemikerin Clara Immerwahr das Leben nahm, weil ihr Gatte jenes Giftgas entwickelte, dem unzählige Soldaten zum Opfer fielen.

Mit ihrem Buch „Der große Krieg und die Frauen“ rückt Barbara Englert einen ausgeblendeten Aspekt der Zeitgeschichte in den Blick. Weil es sie empörte, dass in der Literatur bis auf eine Ausnahme nur männliche Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg zu finden waren, trug die  Frankfurter Schauspielerin und Regisseurin die Ansichten von Frauen zusammen. Zwei Jahre lang spürte sie in Tagebucheinträgen, Briefen und Büchern die Zeugnisse von Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Pazifistinnen auf. Außerdem interviewte sie bekannte und weniger bekannte Frauen der Gegenwart, die sich noch gut an Erzählungen ihrer Mütter und Großmütter erinnerten.

Deren Geschichten decken sich zum Großteil mit der Erfahrung der Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann, die in Begegnungen ganz und gar nicht den „in allen Tageszeitungen und sonstigen Schriften gepriesenen frenetischen Kriegsjubel deutscher Frauen“ erlebte. Sie habe im Gegenteil nur „überall banges Entsetzen, gequältes Stöhnen geängstigter Mütter“ vernommen. 

Der Tod von Ehemännern und Söhnen wie die allgegenwärtigen Entbehrungen und Gräuel tauchen in dem Buch in Form von persönlichen Erfahrungen, literarischer Aufarbeitung oder politischer Analysen auf. Die collagenartig zusammengestellten Texte sind zutiefst berührend, bisweilen verstörend, zeigen vergessene Zusammenhänge auf und versetzen immer wieder in Staunen. Wie etwa Anita Augspurgs pointierter Bericht über die kriegstreibenden Machenschaften der Waffenindustrie.

Von Barbara Englert ursprünglich als multimediale Theaterinstallation konzipiert und 2015 in der Hauptbahnhofshalle zehn Tage lang gezeigt, gibt es „Der Große Krieg und die Frauen“ seit vergangenem Herbst auch als Buch. Mit Fotografien und Kurzbiografien der Protagonistinnen versehen, sind hier die Recherchen der Autorin sowie die Resolutionen des Frauenfriedenskongresses in Den Haag und der „Internationalen Konferenz sozialistischer Frauen gegen den Krieg“ in Bern zu finden. 

Das Werk füllt eine Leerstelle, weil es vor Augen führt, mit wie viel Mut und Energie sich doch viele im Ersten Weltkrieg widersetzten. Wenn Barbara Englert resümiert: „Diese Frauen sind Heldinnen, von denen wir immer noch lernen können. Hut ab vor dieser Kraft“, wird man ihr nach der Lektüre nur zustimmen können. 


Autorin

Doris Stickler 59 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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