Aktuelles

Vor 20 Jahren erschien die Bibel in gerechter Sprache: Gefeiert wird das am 25. Oktober in Frankfurt

Kurz vor dem Jubiläum "500 Jahre Reformation" wurde 2006 das Großprojekt beendet. Damals Mitwirkende und neue Unterstützer:innen gestalten das Jubiläum. Professorin Christine Wenona Hoffmann äußert sich im Vorfeld des Ereignisses.

Diversität heißt nicht nur so, sondern steht für Vielfalt und Gleichberechtigung. I Foto: Bettina Behler
Diversität heißt nicht nur so, sondern steht für Vielfalt und Gleichberechtigung. I Foto: Bettina Behler

Vor 20 Jahren, zwölf Monate vor dem Jubiläum „500 Jahre Reformation“, erschien in der Gütersloher Verlagsanstalt die Bibel in gerechter Sprache, kurz BigS genannt. 52 Bibelwissenschaftlerinnen und Bibelwissenschaftler wirkten an dem Projekt mit, das Privatpersonen, evangelische Einrichtungen wie das Frauenstudien- und -bildungszentrum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die katholischen Frauen Deutschlands, ökumenische Gruppen aus dem deutschsprachigen Raum und viele andere unterstützt und finanziert haben. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) übernahm zusätzlich für fünf Jahre die Kosten für eine Projektstelle.

Ulrike Scherf, stellvertretende Kirchenpräsidentin der EKHN, wird in dem Jubiläums-Gottesdienst die Predigt halten, zu den Mitwirkenden zählt Claudia Janssen. Die Professorin gehört zu dem Team, das 2006 die BigS herausgab (>> weitere Informationen). Mit dabei am 25. Oktober sind beispielsweise auch die beiden Pfarrerinnen Ute Knie und Ulrike Hofmann, Verein zur Förderung Feministischer Theologie in Forschung und Lehre, sowie der Pfarrer der gastgebenden Gemeinde Frieden und Versöhnung, Nulf Schade-James, der sich seit Jahrzehnten in seiner Kirche, der EKHN, für die Gleichberechtigung von Menschen egal welcher sexuellen Orientierung einsetzt. Mitwirken in dem Gottesdienst in der Friedenskirche wird zudem Veit Dinkelaker, Direktor des Bibelhaus Erlebnis Museums (BIMU) am Frankfurter Museumsufer. Dort wird gegenwärtig die Ausstellung „GenderVarianten Digital“ gezeigt.

Von 14 bis 18 Uhr dauert die Jubiläumsveranstaltung in der Friedenskirche, Frankenallee 150, Gallus. Sie beginnt mit einem Gottesdienst, anschließend wird in Workshops und Gesprächen beleuchtet, wie es um Diversität in der Theologie steht. Ein breites Bündnis lädt ein zu dem Nachmittag, dazu gehören beispielsweise auch die Evangelischen Frauen in Hessen und Nassau e.V., die Goethe-Universität Frankfurt, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands und die Evangelische Akademie Frankfurt.

Professorin Christine Wenona Hoffmann  |  Foto: Lars Röske
Professorin Christine Wenona Hoffmann | Foto: Lars Röske

Christine Wenona Hoffmann, Jahrgang 1986, Professorin für Praktische Theologie an der Frankfurter Goethe-Universität, ist 2. Vorsitzende des Vereins zur Förderung Feministischer Theologie, eine der federführenden Organisatior:innen der Jubiläumsveranstaltung und eine der Workshopleiterinnen.

Im Interview äußert Christine Wenona Hoffmann sich, inwiefern die BigS sie begleitet. 2025 war die Wissenschaftlerin eine der drei Preisträgerinnen des Leonore Siegele-Wenschkewitz Preises für Feministische Theologie. Ausgezeichnet wurde sie für die Lehrveranstaltung und damit verbundene Exkursionen zu „Identität und Diversität als Thema von Gottesdienst und Predigt“.


Was waren zu Zeiten des Erscheinens der Bibel in gerechter Sprache, im Oktober 2006, Themen, die Sie bewegt haben?

CW Hoffmann: Ich kam 2006 aus einem halbjährigen Praktikum bei der UNESCO in Paris zurück und habe mein Theologiestudium in Heidelberg begonnen. Neben dem Sprachenstudium habe ich mich zu Beginn meines Studiums viel mit Psychologie und Systematischer Theologie - als einer kontextuellen Theologie - beschäftigt. Heute weiß ich, dass sowohl die Erfahrungen bei der UNESCO, als auch der Studienstart in Theologie, als zwei mir sehr fremde Kontexte, wohl das Ihrige dazu beigetragen haben.

Welche Rolle hat dann die Bibel in gerechter Sprache in Ihrem Studium gespielt?

CW Hoffmann: Leider gar keine. Ich habe sie erst im Rahmen meiner Promotion kennen (und lieben) gelernt. Wie wichtig und hilfreich sie (auch) für den Gottesdienst und die Predigt ist, habe ich sogar erst im Vikariat von meiner Lehrpfarrerin gelernt, die sehr viel mit der BigS arbeitete. Zur Ordination Mitte März 2021, mit nur vier Personen – meiner Lehrpfarrerin, dem Prälaten, meinem Mann und mir – im Garten des Badischen Prälaten, wünschte ich mir meine erste BigS und bekam sie von meiner Lehrpfarrerin auch geschenkt.

Wie setzen Sie die BigS heute als Hochschullehrerin ein?

CW Hoffmann: Die BigS gehört in meinen Lehrveranstaltungen zum Standardrepertoire von Bibelübersetzungen und liefert in vielen meiner Veröffentlichungen und Vorträgen die „Schrift".

Diversity/Identity sind Themen, die 2026 eine andere Rolle spielen, als noch vor 20 Jahren, wie gehen Ihre Studierenden damit um, mit Blick auf biblische Texte?

CW Hoffmann: Die Studierenden haben - Gott sei Dank! - ein großes diversitäts- und identitätssensibles Bewusstsein, können Macht- und Hierarchie(missbrauch), viel besser als ich es im Studium konnte, erkennen und analysieren. Ich bin super dankbar mit ihrem konstruktiv-kritischen, aber auch sehr liebevollen Blick auf die biblischen Texte arbeiten zu dürfen.

Sie leiten an dem Jubiläumstag zusammen mit ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Silvie Pölzer einen Workshop „Unerhörte und überhörte Stimmen in der praktischen Theologie“. Das klingt zum einen nach „nicht gehört“ zum anderen hat „unerhört“ aber auch eine andere Bedeutung. Was steckt dahinter?

CW Hoffmann: Diese Doppeldeutigkeit ist sehr bewusst gewählt, da zahlreiche der „nicht gehörten" Stimmen aus Forschung und Praxis auch „Unerhörtes" - im Sinne von Dingen, die nicht gesagt, werden sollen/dürfen - beleuchten. Dies betrifft einerseits fachspezifische Machtdynamiken und Hierarchien, die wir in der Publikations- und Forschungspraxis fortschreiben und die sich zum Beispiel auch darin zeigen, dass die deutsche praktisch-theologische (examensrelevante!) Fachliteratur noch immer fast ausschließlich weiß und männlich ist. Dazu kommt eine regionale und kontextuelle Perspektivverengung. Sich als Praktische Theologin und damit selbst Beteiligte! – im Sinne einer selbstkritischen Reflexion mit diesen Verengungen auseinanderzusetzen, ist nicht angenehm, aber notwendig, meine ich.

Für das Jubiläumsfest haben Sie einen Workshop angeregt, der Kinder und Erwachsene ansprechen soll. „Alle-Kinder-Bibel“ ist er benannt, was steckt dahinter?

CW Hoffmann: Die Alle-Kinder-Bibel von Andrea Karimé ist nicht nur eine unverzichtbare Kinderbibel, sondern auch für Erwachsene, die mit sehr uniformen Kinderbibeln großgeworden sind, ein wichtiger Bildungsbeitrag. Zudem war es mir ein großes Anliegen, dass das BigS-Jubiläum sein „Programm" und sich selbst ernst nimmt. Am Sonntagnachmittag ein mehrstündiges Erwachsenen-Programm zu gestalten, in dem Kinder maximal als „Thema verhandelt" werden, scheint mir wenig realitätsnah und schließt nicht nur die Kinder aus, sondern auch all diejenigen, die am Wochenende keine Kinderbetreuung haben oder als Berufstätige auch gerne mit Kindern ihre Freizeit verbringen. Das ist (leider) sowohl in Uni als auch in Kirche noch immer eine große Leerstelle...

Bei den Vorbereitungen des Jubiläumsfestes haben Sie sich dafür eingesetzt, dass nicht nur rückwärts-, sondern auch nach vorne geschaut wird. Was heißt das?

CW Hoffmann: Jubiläumsveranstaltungen tendieren dazu, primär das Vergangene zu feiern und teilweise auch zu glorifizieren. Zweifelsohne ist die BigS und ihr Erscheinen 2006 eine bahnbrechende und extrem wichtige Errungenschaft, für die ich unendlich dankbar bin. Damit diese Kraft und dieser Geist mit dem Ausscheiden der Initiator:innen aus dem aktiven Dienst nicht verschwindet, sondern weiterlebt, inspiriert und ermutigt, sollten wir die Frage nach dem „Was heißt das für heute?" nicht aus dem Blick verlieren. Siehe Stichpunkt „Kinder"...


Hinweis

Gefeiert wird das Jubiläum der Bibel in gerechter Sprache auch mit einer Sonderausgabe. Sie ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet 20 Euro. ISBN: 978-3-579-00690-1


Weitere Informationen zu dem Thema u.a.:

>> www.bibel-in-gerechter-sprache.de

>> Bibel in gerechter Sprache auf www.ekhn.de

>> www.evangelischefrauen.de/veranstaltungen

>> Informationen zu Christine Wenona Hoffmann auf www.uni-frankfurt.de


Schlagwörter

Autorin

Bettina Behler 433 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach