Das war’s
Menschen lieben es, sich gemeinsam zu freuen. Vor allem dann, wenn etwas Neues beginnt. Mit dem Satz „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ hat der Schriftsteller Hermann Hesse sich für alle Zeiten in Abreißkalendern und Instagram-Kacheln verewigt. Und wo sich gefreut wird, da wird gefeiert, da sind Rituale nicht weit, da sind wir alle gern dabei: „Oh, wie schön, wann sollen wir kommen?“ Wir zelebrieren Geburten, Taufen, Hochzeiten, Berufseinstiege, Hauseinweihungen. Für den Anfang haben wir Rituale in Hülle und Fülle.
Fürs endgültige Ende auch, denn der Tod ist zu groß, um leise und allein bewältigt zu werden. Fassungslosigkeit vereint. Aber was ist mit all den anderen Abschieden, die unsere Biografien in viele kleinere und größere Vorhers und Nachhers einteilen?
Beziehungen zerbrechen hinter zugezogenen Vorhängen. Freundschaften verlaufen im Sand. Arbeitsverhältnisse enden mit einer E-Mail aus der Personalabteilung. Als sei das Ende von etwas bloß ein peinlicher technischer Defekt eines Lebensabschnitts, der eigentlich unendlich hätte weiterlaufen sollen, auf der gleichen Schiene, Weichen unerwünscht.
„Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“, schmettern wir, zu laut und fröhlich, um es ehrlich zu meinen. „Wo eine Tür zugeht, geht auch immer eine andere auf“, schwadronieren wir, als hätten wir gerade den Lehrgang „Wie werde ich der schlechteste Lifecoach der Welt?“ belegt. Ach komm, Schwamm drüber, ist jetzt halt so. Wer weiß, wofür es gut ist. Wie reagiert man überhaupt richtig, wenn die Freundin sagt: „Du, wir haben uns getrennt, der Kai und ich“? Es ist kompliziert.
Das Wort Abschied klingt ja aus guten Gründen gar nicht mal so schön: nach halb geleerten Wohnungen, nach Umzugskartons und dem letzten Blick zurück, bestenfalls nach einem schalen Glas Sekt, schlimmstenfalls nach Rachegedanken. Nach Floskeln der Hilflosigkeit, die man lieber nicht sagen möchte, geschweige denn hören: „Mach‘s gut.“ „Ja dann, man sieht sich immer zweimal im Leben.“ „Klar, meld' dich mal.“ „Wir bleiben in Kontakt.“ Besser nicht weiter drüber reden. Wird schon, morgen ist ein neuer Tag.
Wenn es so einfach wäre. Das ist es nicht, erst recht nicht, wenn die Liebe geht. Doch noch immer haftet gerade Trennungen und Scheidungen der Geruch des Scheiterns an. Als sei jede Ehe, die endet, automatisch eine misslungene Ehe gewesen. Warum eigentlich? Wir kämen schließlich auch nicht auf die Idee, ein gutes Buch für schlecht zu halten, nur weil es ein letztes Kapitel besitzt. Manche Verbindungen tragen über Jahrzehnte. Andere über einige intensive Jahre oder Monate. Manche bringen Kinder hervor, gemeinsame Erinnerungen und gegenseitiges Wachstum – und irgendwann auch die Erkenntnis, dass der gemeinsame Weg zu Ende ist. Auch das ist eine Form des Fortbestehens. Abschiede können sagen: Etwas war wichtig. Etwas hat uns verändert. Und nun beginnt etwas Neues. Darüber sollten wir häufiger reden. Und es manchmal vielleicht sogar zelebrieren, in einer angemessenen Form.
Doch zunächst ist eine Trennung eben eine große Zumutung, auch wenn selten beide beteiligten Menschen im gleichen Ausmaß und im gleichen Moment gleich erschüttert sind. Rituale für Übergänge, die nie so geplant waren und doch durchlebt werden müssen, gibt es kaum. Die Lücke will Pfarrerin Katja Föhrenbach gemeinsam mit Kolleg:innen nun im Rahmen der Initiative „MainSegen“ behutsam füllen (siehe >> Interview ).
Die Bibel ist in Abschiedsbelangen übrigens erstaunlich pragmatisch. Das berühmte Wort aus dem Buch Kohelet, „Alles hat seine Zeit“, ist keine Vertröstung, sondern eine nüchterne Beobachtung. „Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.“ Das alles darf und muss benannt werden. Und betrauert.
Auch Jesus erzählt keine Geschichte des ewigen Festhaltens. Im Johannesevangelium sagt er den Jüngern kurz vor seinem Tod nicht, dass alles so bleiben werde. Im Gegenteil: Er bereitet sie auf den Abschied vor. Und gerade dieser Abschied wird zur Voraussetzung für etwas Neues.
Die Bibel handelt häufig von Aufbrüchen, Exilen, Verlusten und Neuanfängen. Abraham verlässt seine Heimat. Ruth verliert ihren Mann und findet dennoch eine neue Zukunft. Sie vertrauen darauf, dass Gott auch auf Wegen gegenwärtig ist, die sie nicht freiwillig gewählt hätten. Darf man das nicht sogar eigentlich feiern? Oder es zumindest feiern wollen dürfen, ohne schief angeschaut zu werden?
Einer der leisesten und nur auf den ersten Blick lakonischen Abschiedsgrüße der Literatur stammt allerdings nicht aus der Bibel oder aus einem philosophischen Traktat, sondern aus Douglas Adams‘ schrägem Kosmos der Buchreihe „Per Anhalter durch die Galaxis“. Die Erde muss in der Geschichte leider Platz machen für eine intergalaktische Schnellstraße, was die Delfine heftig betrauern, bevor sie sich irgendwo im Weltraum eine neue Heimat suchen. Aber was sagt man denn nun im Angesicht der Apokalypse, wenn es kein Drehbuch mehr gibt? Zum Beispiel: „So long, and thanks for all the fish – Macht‘s gut, und danke für den Fisch.“ Kein großes Pathos. Kein „Leb wohl für immer“. Kein dramatisches Finale. Aber ein wundervoll ehrliches „Danke“ für alles, was war.
In diesem Sinne, und auch wenn wir uns noch auf eine allerletzte gedruckte Ausgabe im Dezember freuen: Machen Sie es gut, liebe Leserinnen und Leser des EFO-Magazins! Es war sehr schön mit Ihnen.
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