Historie des Regionalverbands

Fast 120 Jahre ist der Evangelische Regionalverband Frankfurt alt, hat vier politische Systeme und vier tiefgreifende Veränderungen der kirchlichen Organisation in Frankfurt erlebt und ist weiter für die evangelische Kirche hier unentbehrlich. Mit dem Zusammengehen der evangelischen Kirchen Frankfurt und Offenbach ist er zum 1. Januar 2019 zum Evangelischen Regionalverband Frankfurt und Offenbach geworden.

In einer Großstadt wie Frankfurt gibt es vielfältige kirchliche Aufgaben, die die Kraft und die Möglichkeiten einer Kirchengemeinde oder eines kirchlichen Vereins übersteigen. Dem tragen Gemeinden, Stadtdekanat und sozialdiakonische Einrichtungen Rechnung, indem sie sich unter dem gemeinsamen Dach eines Evangelischen Regionalverbandes zusammengefunden haben. Neuerdings werden hier die evangelischen Aktivitäten in zwei Städten gebündelt.

Der Kirchenhistoriker Jürgen Telschow, lange Jahre Verwaltungsleiter des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt am Main, hat in drei Bänden die evangelische Kirchengeschichte in Frankfurt zusammengetragen. Für das Netz verfasste er einen Abriss der Historie.

Vorgeschichte

Seit der Reformation erstreckte sich die evangelische Kirche in Frankfurt über das Stadtgebiet - begrenzt durch die barocke Befestigungsanlage - und einzelne Dörfer. Im Stadtgebiet gab es neben der deutsch-reformierten und der französisch-reformierten Gemeinde nur eine einzige lutherische Gemeinde.

Obwohl schon im 17. Jahrhundert aus seelsorgerlichen Gründen die Aufteilung dieser Gemeinde gefordert und obgleich Frankfurts Einwohnerzahl bis 1891 auf 180.000 gestiegen war, hatte sich die lutherische Geistlichkeit bis dahin nicht zu der dringend notwendigen Aufteilung entschließen können. Erst mit der Kirchengemeinde- und Synodalordnung von 1899 wurde das geändert. Nun wurde zu der Sankt Paulskirche, der Alten Nikolaikirche, der Sankt Peterskirche, der Weißfrauenkirche und der Dreikönigskirche je eine lutherische Ortsgemeinde gebildet. Allerdings gab es die Befürchtung, dass durch die Auflösung der alten Stadtgemeinde deren finanziellen und anderen Ansprüche gegenüber der Stadt wegfallen könnten. Aus diesem Grund schlossen sich die neuen Gemeinden zugleich mit ihrer Gründung zu einem Gemeindeverband, Stadtsynode genannt, zusammen. Waren doch diese Ansprüche gegenüber der Kommune in einer Zeit ohne Kirchensteuern für die Gemeinden lebensnotwendig. Für die Frankfurter Lutheraner bedeutete diese Verbandsform aber erstmals eine, wenn auch beschränkte, Eigenständigkeit gegenüber dem Staat.


Das Dominikanerkloster, heute Sitz des Evangelischen Regionalverbandes, im Jahr 1872

Das Dominikanerkloster, heute Sitz des Evangelischen Regionalverbandes, im Jahr 1872. | Quelle: www.commons.wikimedia.org


Die ersten Jahrzehnte

Hauptaufgabe des Verbandes war zunächst die dringend notwendige Errichtung kirchlicher Gebäude in den großen Neubaugebieten im Osten, Süden und Westen der Innenstadt. Um geeignete Grundstücke zu erwerben und Bauplanungen zu beginnen, wurden zunächst Kredite aufgenommen. Erst ein Kirchensteuergesetz im Jahre 1905 ermöglichte die Erhebung von Kirchensteuern und damit eine ausreichende eigene Finanzierung. Denn der Verband verwaltete die Kirchensteuereinnahmen der ihm angeschlossenen Gemeinden und konnte sie gezielter einsetzen als jede Gemeinde für sich. Repräsentative Kirchenbauten wie der Matthäuskirche oder der Lukaskirche machten das deutlich. Zugleich entstanden im Ostend, im Westend, im Gallusviertel und in Sachsenhausen neue Kirchengemeinden, die sich ebenfalls dem Verband anschlossen. Zwischen 1900 und 1921 kamen außerdem die Vorortgemeinden in Bornheim, Oberrad, Bonames, Hausen, Niederrad und Niederursel hinzu, die bis dahin einen kirchlichen Sonderstatus hatten. Der Verband umfasste nun alle lutherischen Kirchengemeinden in Frankfurt. Dies änderte sich schon 1929 mit der Aufnahme des vormals hanauischen und dann kurhessischen Kirchenkreises Bockenheim in die Frankfurter Kirche. Denn nun wurden mit neun Kirchengemeinden, die von Bockenheim bis Fechenheim um die Innenstadt herum lagen auch unierte Kirchengemeinden in den Verband einbezogen. Fortan war er der „Stadtsynodalverband der evangelisch-lutherischen und evangelisch-unierten Kirchengemeinden“ von Frankfurt.

Im Gegensatz zur Frankfurter Landeskirche überstand der Verband das Dritte Reich relativ unbeschädigt. Doch wurde seine Struktur verändert. In der dem NS-System hörigen Evangelischen Landeskirche von Nassau-Hessen, zu der auch Frankfurt gehörte, galt das Führerprinzip. Für den Verband bedeutete dies den Wegfall der Stadtsynode als Vertretung der dem Verband angeschlossenen Gemeinden, und des Vorstands als Kollegialorgan. Der Vorstand bestand nur noch aus dem Vorsitzenden, Pfarrer Adalbert Pauly, dem als Rechtsbeistand Amtsgerichtsrat Dr. Kalb und als Finanzberater Steuersachverständiger Dr. Gutberlet zur Seite standen. Eine weitere Veränderung bedeutete die Übernahme der Trägerschaft des Evangelischen Volksdienstes. Der Volksdienst war eine Kirchliche Einrichtung der Frankfurter Landeskirche mit vielfältigen Aufgaben im sozialen Bereich sowie in der Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit gewesen. Nach dem Aufgehen der Frankfurter Landeskirche in der neuen hessischen Landeskirche fehlte ihm der Träger, und er wurde dem Gemeindeverband angeschlossen.

Die Nachkriegszeit

Nach dem Ende des NS-Staates begann eine „Vorläufige Leitung“, gebildet aus zwei Vertretern der Bekennenden Kirche und zwei Vertretern der Werke und Verbände den Wiederaufbau. Sie konnte dabei an den weiter bestehenden Gemeindeverband anknüpfen. Aber erst im April 1948 trat die Vertretung der Verbandsgemeinden wieder zusammen und beschloss am 9. Februar 1949 eine neue Satzung. Nun nannte sich der Verband nicht mehr „Stadtsynode“ sondern „Gemeindeverband“. Die Vertretung der Mitgliedsgemeinden war die Gesamtvertretung, und Leitungsorgan war der Vorstand. Vorsitzender wurde Pfarrer Ernst Nell. Hier schlug sich die Absicht nieder, das Schwergewicht der übergemeindlichen Organisation künftig bei den Dekanaten und nicht mehr beim Gemeindeverband zu sehen.

Allerdings waren die Realitäten andere. Am Kriegsende war die Innenstadt weitgehend zerstört. Von den einstmals 550.000 Einwohnern lebten nur noch 269.000 in Frankfurt. Damit die auswärts Lebenden zurückkehren konnten und verbesserte Wohnmöglichkeiten erhielten, wurde nicht nur wiederaufgebaut, vielmehr entstanden auch viele neue Siedlungen. Das betraf auch die Kirche. Auch sie musste wiederaufbauen, aber auch die neuen Siedlungen kirchlich versorgen. Zudem verfolgte Propst Karl Goebels das Ziel, die alten großen Stadtgemeinden aufzuteilen, um überschaubare Gemeindebezirke zu schaffen. Für all dies die Infrastruktur zu schaffen und das Personal bereitzustellen, war Aufgabe des Gemeindeverbandes, dessen Vorstandsvorsitzender ab 1950 Pfarrer Arthur Zickmann war. Dem Verband gelang eine beachtliche Aufbauleistung. Seine Bauabteilung unter ihrem Leiter Dipl.-Ing. Ernst Görcke bilanzierte Mitte der fünfziger Jahre: den Wiederaufbau von 23 beschädigten oder zerstörten und den Neubau von 25 Kirchen, die Wiederherstellung von neun Gemeindehäusern und vier Kindergärten sowie der Neubau von 43 Gemeindehäusern und 54 Kindergärten.

Daneben entwickelte sich der Verband als Träger vielfältiger kirchlicher Angebote, die sich nicht nur an die Mitglieder einer Kirchengemeinde wandten, sondern an Stadtquartiere oder die ganze Stadt. Man sprach nun von übergemeindlicher Arbeit. Angesichts der dringenden Nöte der Nachkriegszeit war zunächst der Volksdienst gefragt, der zum Beispiel die Kindererholung oder die Wahrnehmung von Vormundschaften für Waisen oder Kinder in schwierigen Familienverhältnissen ausweitete. Neben der Hilfsstelle des Evangelischen Hilfswerks war er auch eine Verteilungsstelle für Lebensmittel, Kleidung und andere Hilfsgüter. Später übernahm der Verband die Trägerschaft der 1949 vom Stadtverband der Frauenhilfe gegründeten Mütterschule. Aus ihr heraus entwickelte sich die Ehe- und Erziehungsberatung. Schon seit den sechziger Jahren übernahm der Verband aber auch Verantwortung in einer uns bis heute beschäftigenden Problematik, der Sorge für Migranten und Flüchtlinge. Als Deutschland in den sechziger Jahren ausländische Arbeitskräfte holte, errichtete der Verband eine „Beratungsstelle für Griechen“. Als in den siebziger Jahren in Chile General Pinochet die Macht ergriff und chilenische Flüchtlinge nach Frankfurt kamen, errichteten sie unter dem Dach des Verbandes das „Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge“. Seit diesen Zeiten war die Ausländerarbeit ein nicht mehr wegzudenkender Arbeitsbereich des Verbandes.

Unter dem Vorstandsvorsitzenden Pfarrer Helmut Hild (1964 – 1969) begann eine Modernisierung des Verbandes. Die Verwaltung wurde einer Organisationsprüfung unterzogen und Anfang der 70er Jahre umorganisiert. Die Einführung der Elektronischen Datenverarbeitung für Finanz-, Personal- und Meldewesen wurde vorbereitet. Und auf Hilds Initiative wurde die soziologische Situation der Evangelischen Kirche in Deutschland unter Beteiligung des Verbandes in der soziologischen Umfrage und Studie „Wie stabil ist die Kirche?“ analysiert.

Die Gründung des Evangelischen Regionalverbandes

Gegen Ende seiner Frankfurter Amtszeit thematisierte Hild auch eine Neuordnung der Frankfurter Kirche überhaupt. Die Aufsplitterung der Verantwortlichkeiten in Gemeinden, Gemeindeverband und Dekanate beeinträchtigte nach seiner Meinung das öffentliche Erscheinungsbild der Kirche. Er forderte eine Organisationsform, die diese Verantwortlichkeiten zusammenfasste. Dies traf sich mit kritischen Stimmen, die dem Verband die rechtliche und inhaltliche Kompetenz für die übergemeindlichen Pfarrämter absprachen und diese bei den Dekanaten sahen. So schuf man 1972 den „Gesamtvorstand der Frankfurter Dekanate“, der aus allen Dekanatssynodalvorständen bestand, und übertrug ihm die Zuständigkeit für die übergemeindlichen Pfarrstellen. Da auch diese Lösung als unbefriedigend angesehen wurde, nahm der Gemeindeverband schließlich 1973 die Dekanate als Mitglieder auf. Der Verband erschien nun legitimiert auch als Träger der übergemeindlichen, von Pfarrer versehenen, kirchlichen Arbeit und erhielt den Namen „Evangelischer Regionalverband“. Zugleich erhielt er klarere demokratische Strukturen: die Aufsichtsfunktion wurde von der Regionalversammlung mit einer eigenen Versammlungsleitung wahrgenommen, die leitende Funktion durch den Vorstand und die ausführende Funktion durch die Verwaltung und die Einrichtungen des Verbandes, die in Fachbereichen zusammengefasst waren und eine größere Eigenständigkeit erhielten. Vorsitzender der Versammlungsleitung war über lange Jahre der Rechtsanwalt und Frankfurter Bürgermeister Hans-Jürgen Moog. Vorstandsvorsitzende waren zunächst Pfarrer Ernst Schäfer und dann Pfarrer Gerhard Bars fortgesetzt. Leiter der Verwaltung war Oberkirchenrat Jürgen Telschow

Die nächsten beiden Jahrzehnte wurden durch zwei gegenläufige Entwicklungen geprägt. Bedingt durch den demografischen Wandel und Kirchenaustritte nahm die Zahl der evangelischen Frankfurterinnen und Frankfurter kontinuierlich ab. Andererseits ermöglichten die guten Kirchensteuereinnahmen eine trotzdem (gesamtkirchlich gesehen) überdurchschnittliche Ausstattung der Gemeinden mit Personal und Gebäuden, den weiteren Ausbau der übergemeindlichen Arbeit und eine zuvor nicht gekannte Vermögensbildung für künftige, schlechtere Zeiten.

Der Weg zur Verbindung mit dem Stadtdekanat

Seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre begann man, sich auf dem Hintergrund der weiter rückläufigen Mitgliederzahl und des zu erwartenden Rückgangs der Kirchensteuern mit der zukünftigen Entwicklung der Frankfurter Kirche zu beschäftigen. In mehreren Schritten wurden hieraus, wenn auch mühsam und langsam, Konsequenzen gezogen. Geschrumpfte Kirchengemeinden schlossen sich zusammen oder bildeten zumindest Arbeitsgemeinschaften mit Nachbargemeinden. Gebäude wurden anders genutzt oder aufgegeben. Eine Anzahl von Gemeinden verzichtete auf ihre Gemeindehäuser und erhielt durch - auch architektonisch gelungene - Umbauten ihrer Kirchen oder Anbauten neue Gemeinderäume.

Die Zahl der Dekanate wurde reduziert. 2014 schlossen sich die zuletzt vier Frankfurter Dekanate zu einem Stadtdekanat zusammen, mit einem Stadtdekan und zwei Prodekanen. Stadtsynode und Stadtdekanatsvorstand wurden mit denselben Personen besetzt wie die Regionalversammlung und der Vorstand des Regionalverbandes. Bis zur Neuaufstellung - von 1990 bis 2014 – war Pfarrerin Esther Gebhardt Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes. Stadtdekan ist seit September 2014 Achim Knecht, seit dem 1. Januar 2015 steht er dem Evangelischen Regionalverband vor. Präses der Stadtsynode und stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes ist Irmela von Schenck.

Auch für die übergemeindliche Arbeit veränderte sich einiges in den vergangenen Jahrzehnten. Schrittweise wurde die Zahl der Fachbereiche auf zwei reduziert, den Fachbereich I: Beratung, Bildung, Jugend und den Fachbereich II: Diakonisches Werk für Frankfurt am Main – ab 2019 – mit Offenbach. Von Bedeutung ist auch, dass der Verband seit den siebziger Jahren Arbeitsbereiche rechtlich verselbständigt hat, in Form eines Vereins oder einer GmbH, darunter sind der Evangelische Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main e.V. und der Verein für Wohnraumhilfe. Bei allem sollte nicht übersehen werden, dass etliche Einrichtungen gemeinsam mit der katholischen Kirche beziehungsweise der Caritas oder mit anderen Partnern betrieben werden.