An der Würde von Menschen mit Behinderung darf nicht gespart werden
Es scheint, als sei eine Welt, in der sich Menschen mit und ohne Behinderungen ganz selbstverständlich in Schulen, Universitäten, Arbeitsstätten und Nachbarschaften begegnen, plötzlich wieder undenkbar. Laut den durchgesickerten Sparplänen der Bundesregierung sollen individuelle Rechtsansprüche auf Schulbegleitung gestrichen werden, das Wunsch- und Wahlrecht von Menschen mit Behinderungen eingeschränkt, die Nachbetreuung junger Erwachsener aus der Jugendhilfe abgeschafft. (Siehe dazu auch unser Interview mit Pfarrer Frank Stefan, dem Vorsitzenden des Bundesverbandes evangelische Behindertenhilfe e.V.).
Doch bei all dem handelt es sich nicht um einen luxuriösen Extraservice für gute Zeiten. Es geht um fundamentale Rechte. Um die Möglichkeit zu lernen. Freunde zu treffen. Sich frei zu bewegen. Wer daran spart, spart nicht an Zahlen in einem Haushalt, sondern spart und sperrt Menschen aus der Gesellschaft heraus. Wenn Menschen, die aus den verschiedensten Gründen im Alltag Hilfe benötigen, wieder in Sondereinrichtungen gezwungen werden, in Heime oder Förderschulen, dann schaffen wir Parallelwelten, die mit Inklusion nichts mehr zu tun haben.
Es ist ein moralischer Offenbarungseid, dass in einem der reichsten Länder der Welt überhaupt darüber diskutiert wird, ob Menschen mit Behinderungen „zu viel kosten“. Während Milliarden für Aufrüstung, Steuerprivilegien und Konzernrettungen plötzlich alternativlos erscheinen. Das ist keine Sachpolitik. Das ist Klassenpolitik gegen diejenigen, die sich am wenigsten wehren können. Die Bibel kennt keine Leistungshierarchie menschlicher Würde. Jesus hat nicht die Starken und Erfolgreichen ins Zentrum gestellt, sondern die Verwundbaren, Kranken und Ausgeschlossenen. Eine Gesellschaft, die Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen Unterstützung entzieht, verrät nicht nur die UN-Behindertenrechtskonvention. Sie verrät jeden Anspruch auf Menschlichkeit.
Ohne Behinderung durchs Leben zu gehen ist für die meisten Menschen sowieso nur ein temporärer Zustand. Ein großer Teil der Behinderungen entwickeln oder zeigen sich erst im Laufe des Lebens. Vor allem im Alter. Und genau so sollten wir das Thema Inklusion auch behandeln. Es betrifft uns alle.
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