Leben & Alltag

„Wenn Eltern etwas nur den Kindern zuliebe tun, geht das meistens schief“

Was sollten Eltern nach der Trennung bei der Wahl eines Familienmodells bedenken? Fragen an Barbara Evangelou, Leiterin des Bereichs Familien-, Kinder- und Jugendberatung im Evangelischen Zentrum für Beratung und Therapie.

Barbara Evangelou berät im Evangelischen Zentrum in Eschersheim Familien in Trennungssituationen. | Foto: Rolf Oeser
Barbara Evangelou berät im Evangelischen Zentrum in Eschersheim Familien in Trennungssituationen. | Foto: Rolf Oeser

Frau Evangelou, wie beraten Sie Familien, die sich bei Trennungskonflikten an Sie wenden?

Aus unserer Perspektive stehen dabei immer die Kinder im Mittelpunkt. Wir analysieren die jeweilige individuelle Situation der Familie und versuchen, eine tragfähige und gute Lösung zu finden.


Bemerken Sie eine Veränderung in Bezug auf die gewählten Familienmodelle?

Die Modelle, die nach einer Trennung und mit Kindern gelebt werden können, sind mittlerweile zwar recht vielfältig, aber bei den Paaren, die zu uns kommen, ist nach wie vor das Residenzmodell das, welches am häufigsten gewählt wird. Die meisten Kinder leben nach einer Trennung hauptsächlich bei der Mutter. Allerdings nimmt die Präsenz von Vätern in der Erziehung und Betreuung deutlich zu, und es gibt eine Tendenz zum Wechselmodell.


Wie beurteilen Sie andere neue Modelle wie die Eltern- oder Familien-WG?

Solange es funktioniert, klingt das gut. Allerdings birgt es auch den Keim für Konflikte. Probleme können zum Beispiel auftreten, wenn ein neuer Partner oder eine neue Partnerin in das WG-Gefüge Einzug erhält. Es ist auch keine gute Idee, wenn die Eltern nicht konstruktiv und sachlich miteinander kommunizieren. Ich weiß aus vielen Beratungen, dass gerade ältere Kinder sich oft wünschen, dass sich ihre Eltern trennen, auch damit klare Verhältnisse geschaffen werden und die ewigen und ständigen Streitereien aufhören.


Nach welchen Kriterien sollten Eltern die Frage des Familienmodells entscheiden?

Die Fülle der heutigen Möglichkeiten, wie Kinder nach einer Trennung mit ihren Eltern zusammenleben können, ist Fluch und Segen zugleich. Es stellt sich dabei immer die Frage, um welche Bedürfnisse es bei der Wahl eines möglichen Modells letztendlich geht. Klar ist, dass es allen irgendwie gut gehen muss. Im Zweifel aber müssen die Bedürfnisse der Kinder den Ausschlag geben.


Das heißt, die Eltern sollen ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen?

Auf keinen Fall. Kinder sind wie kleine Seismografen: Sie spüren sofort, wenn etwas nicht authentisch ist. Wenn die Eltern glauben, etwas nur den Kinder zuliebe tun zu müssen, geht das meistens nicht gut. Zum Beispiel, wenn sie sich für das Nestmodell entscheiden, damit die Kinder nicht pendeln müssen und in gewohnter Umgebung bleiben können. Das wird nur klappen, wenn sich die Erwachsenen selbst damit auch wohlfühlen.


Evangelisches Zentrum für Beratung und Therapie


Autorin

Angela Wolf 71 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

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