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Bilder mit Bibelmotiven: „Diese Geschichten verlieren nicht an Aktualität!“

In 13 starken und detailreichen Bildern erzählt Kirsten Lippek Geschichten aus der Bibel in ihrer Sprache – der Malerei. Das Ergebnis ist wundervoll und geht tief. Ihre Ausstellung ist noch bis zum 24. Oktober in der Offenbacher Stadtkirche zu sehen.

Kirsten Lippek zeigt ihre Bilder zurzeit in der Offenbacher Stadtkirche. | Foto: Angela Wolf
Kirsten Lippek zeigt ihre Bilder zurzeit in der Offenbacher Stadtkirche. | Foto: Angela Wolf

Einen besseren Ort für Kunst kann es kaum geben. Die Offenbacher Stadtkirche in der Herrnstraße 44 ist so etwas wie ein Juwel unter den Gotteshäusern. Schlicht und besonders. Das nach Westen ausgerichtete buntglasige Fenster: eine Wucht. Wie zu einem Endensemble fügen sich da die bunten und detailreichen Gemälde der Künstlerin Kirsten Lippek. Da stört nichts. Die Atmosphäre wirkt geradezu verschmolzen.

Begonnen hat alles vor gut vier Jahren, 2017, mit der „Taufe“. Eindrücklicher lässt sich ein Start nicht darstellen: positiv, bejahend, die Euphorie des Anfangs. „Es ist ein Irrglaube vieler, Weihnachten sei der Beginn aller Geschichten Jesu“ sagt Kirsten Lippek, die auch Pfarrerin ist. Aber das älteste Evangelium, das Markus-Evangelium, beginnt mit der Geschichte von Jesu Taufe. Die Taufe sei eine Liebeserklärung und eine Botschaft zugleich. „Und darum geht es in meinen Bildern. Die Geschichten der Bibel als gemalte Botschaften übersetzt in die heutige Zeit!“

Besonders deutlich wird dies bei der Betrachtung des jüngsten Werkes aus der Bibel-Reihe: „Barmherzigkeit“ erzählt die Geschichte des Samariters, dessen Herz von dem darniederliegenden Überfallenen berührt wird. Er hilft, im Gegensatz zu dem vorbeieilenden Priester oder dem gehetzten Tempeldiener. Aber – kann man diesen beiden überhaupt einen Vorwurf machen? Vielleicht warteten dringende Termine, mussten sie ihren Dienst antreten. Oder sie fürchteten gar Sanktionen. Und wir, heute? Es ist wie ein Spiegel in das Hier und Jetzt. Durchgetaktet und stets unter Zeitdruck hasten wir durchs Leben. Das Kind, der Call, das Zoommeeting. Leicht übersehen wir im Alltagsrausch die Bedürfnisse unserer Nächsten. Wenn eine Freundin in Not gerät oder der Kollege den Anforderungen nicht mehr standhalten kann.

„Es ist kein gutes Ziel, immer funktionieren zu wollen. Unser Pflichtbewusstsein ist extrem ausgeprägt. Nein zu sagen fällt schwer. Und wenn man es mal schafft, wem sagt man nein?“ Kirsten Lippek weiß sehr genau, wovon sie spricht. Als Frau, Pfarrerin, Mutter, Partnerin, Freundin, Künstlerin performt sie in vielen Rollen. Sie alle erheben Anspruch auf Erfüllung. „Mein Körper hat mir einen klare Ansage gemacht!“ Anfang 2020 erlitt sie einen Schlaganfall und war von jetzt auf gleich raus aus allem Trubel. Hätte sie von sich aus die Handbremse gezogen? „Nein, vermutlich nicht. Immer wieder denkt man, es geht noch ein bisschen. Und noch ein Stück.“ Vielen mag das vertraut klingen. Der sogenannte Burnout ist zur Volkskrankheit geworden. „Wenn uns das Herz jammert, wie einst dem barmherzigen Samariter, dann wissen wir, wir sind nicht verloren.“ Im Hier und Jetzt zu sein, voller Aufmerksamkeit und Achtsamkeit – darum gehe es.

Die Bibelgeschichten sind Geschichten aus dem und für das Leben. Sie auf die Leinwand zu bringen, sei anfänglich nicht einfach gewesen. Nach dem Schlaganfall schon gar nicht: „Ich konnte keine kräftigen Farben ertragen. Das hat mich schlicht überfordert. Ich war hochsensibel und mein Gehirn extrem regulativ.“ Geglückt sind die Kunstwerke allemal.

Kirsten Lippek‘s persönlicher Favorit: „Der Herr über Wind und Wellen“. Ein stürmisches und doch ruhendes Motiv. Lippeks Begleittext dazu spricht Bände: „Eine Geschichte, die unsere Seele erfinden müsste, würde sie nicht in der Bibel stehen.“ Die Künstlerin trägt die Gewissheit in sich, nicht aus Gottes Hand fallen zu können. Und sei es noch so stürmisch und die Wellen schlagen über dem Kopf zusammen. Dabei gehe es um Hingabe und um Vertrauen, und zwar ohne doppelten Boden.

Es wäre wohl naiv zu denken, am Ende werde immer alles gut. Das sei nicht der Punkt. Die Dinge nehmen ihren Lauf und wir alle gestalten mit. Mal mehr, mal weniger. Mal positiv, mal negativ. Damals wie heute. Oder nach Aussage des Sturmbildes: immer in Gottes Hand.

Die „Bibelbilder“ von Kirsten Lippek sind noch bis 24. Oktober in der Stadtkirche Offenbach, Herrnstraße 44, zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 12-18 Uhr, Samstag 11-13 Uhr.


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Angela Wolf 76 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.

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