Politik & Welt

Buchtipp: Wie ist Jesus weiß geworden?

Niemand gibt gern zu, rassistische Narrative zu reproduzieren. Laut Sarah Vecera ist eine Beschäftigung mit dem Thema in der evangelischen Kirche allerdings längst überfällig.

Sarah Vecera: Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus. Patmos Verlag 2022, 200 Seiten, 19 Euro
Sarah Vecera: Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus. Patmos Verlag 2022, 200 Seiten, 19 Euro

In einem europäischen Land wie Deutschland sind rassistische Narrative in den Denkmustern der Menschen so tief verankert, dass sie – häufig unbewusst – ständig reproduziert werden. Auch die Kirche ist trotz ihrer Botschaft der Nächstenliebe ist kein rassismusfreier Raum.

Zum Beispiel ist Jesus auf zahlreichen Abbildungen weiß, obwohl sein historisches Erscheinungsbild wohl eher Menschen aus dem Irak ähneln würde. Auch Fragen und Aussagen vieler Gemeindemitglieder geben nicht-weißen Glaubensgeschwistern manchmal das Gefühl, nicht dazuzugehören. So gehöre die Frage, woher sie denn komme, für sie zum Alltag, schreibt Sarah Vecera. Die Autorin des Buches „Wie ist Jesus weiß geworden?“ hat eine weiße Mutter und einen pakistanischen Vater und bezeichnet sich als Person of Color – ein Begriff, den Betroffene sich selbst gegeben haben.

Vecera ist Theologin, Religionspädagogin und Mitarbeiterin der Vereinten Evangelischen Mission (VEM). Über Berichte aus ihrem eigenen Leben tastet sie sich an die Problematik heran. Zunächst erklärt sie, was mit Rassismus gemeint ist: Es handelt sich dabei eben nicht immer um böse Absicht, sondern vor allem um gesellschaftlich verinnerlichte Denkmuster. Anschließend beleuchtet sie unrühmliche Teile der Kirchengeschichte und zeigt auf, dass die Wurzeln von Rassismus auf die Kolonialzeit zurückzuführen sind.

Im (Kirchen-) Alltag erlebe sie immer wieder Situationen, die zeigten, dass noch keine Augenhöhe zwischen Weißen und People of Color hergestellt sei. Deshalb betont sie die Notwendigkeit der Auseinandersetzung der Kirche mit dem Thema Rassismus. Vecera möchte die Kirche nicht vornehmlich anprangern. Sondern sie habe das Buch gerade deshalb geschrieben, weil ihr die Kirche so wichtig sei. Um also nicht nur die Probleme aufzuzeigen, sondern eine Änderung anzustoßen, gibt sie bei vielen Artikeln Fragen mit an die Hand und widmet den letzten Teil einem hoffnungsvollen Blick nach vorn – in eine Kirche, die frei von Rassismus ist.

Auch oder gerade weil es als weißer Mensch schwer ist, mit den eigenen rassistischen Narrativen konfrontiert zu werden und diese anzuerkennen, sollte jedes weiße Gemeindemitglied das Buch gelesen haben. Vor allem, weil es sich um das erste Buch zum Thema „Rassismus und Kirche“ handelt. Vecera bietet eine breite wissenschaftliche Grundlage und Anregungen zur Veränderung, die in weiterführenden Diskussionen innerhalb der Kirchengemeinden einen wachen Blick für die Problematik und einen Willen zur Veränderung hervorrufen können und sollten.


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Monja Stolz 7 Artikel

Monja Stolz ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.

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