Politik & Welt

Gemeinden gründen Verein zur Verteidigung des Kirchenasyls

Gemeinden aus Frankfurt und ganz Hessen haben bei einem Treffen in der Rödelheimer Cyriakusgemeinde den Verein „ maqom. Kirche und Zuflucht“ gegründet. Er möchte Gemeinden in ihrer Verantwortung für geflüchtete Menschen unterstützen und politische Entwicklungen zu dem Thema begleiten.

Foto: Aaron Burden |unsplash.com
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„Der Wind bläst uns entgegen, es wird immer restriktiver“, fasste Anja Harzke, Pfarrerin der Thomasgemeinde in Frankfurt-Heddernheim, die Lage zusammen. „Pfarreinnen und Pfarrer werden zunehmend kriminalisiert." Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Gemeinden, die Kirchenasyl gewähren, hat sie deshalb im Gemeindezentrum der Rödelheimer Cyriakusgemeinde den Verein „maqom. Kirche und Zuflucht“ gegründet und dort den stellvertretenden Vorsitz übernommen. „Die Bibel ist ein Buch von Flucht und Geflüchteten“, betont Harzke.

„Maqom“ ist der hebräische Begriff für Raum, Obdach, Zuflucht. In der Präambel des Vereins wird auf das Wort aus dem Matthäus-Evangelium hingewiesen, das Anspruch und Auftrag für christliche Gemeinden sei: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“. In diesem Sinne will „maqom“ künftig Gemeinden in ihrer Verantwortung für Geflüchtete unterstützen, mit Diskussionen das Bewusstsein für die Schutz- und Herbergsfunktion kirchlicher Räumlichkeiten vorantreiben und gesellschaftspolitische Entwicklungen in Sachen Flüchtlingsaufnahme, Integration, Abschiebung und Menschenrechte beobachten und kommentieren.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Gebiet der hessen-nassauischen Kirche (EKHN), wo gegenwärtig 22 Gemeinden die Abschiebung von 33 Menschen mittels Kirchenasyl verhindern. Weitere Vorstandsmitglieder neben Harzke sind die Friedberger Pfarrerin Susanne Domnick, Heike Scherneck, Kirchenvorstandsvorsitzende der Gießener Stephanusgemeinde, die seit vier Jahren durchgehend Kirchenasyl gewährt, Nicole Lauterwald, Kirchenvorstandsvorsitzende der Rödelheimer Cyriakusgemeinde, und als Vorsitzender der Referent für Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Hochtaunus, Tobias Krohmer.

Zur Gründungsversammlung war aus Berlin Ulrike La Gro angereist, Referentin der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche (BAG). Derzeit seien der BAG in ganz Deutschland 422 Fälle von Kirchenasyl mit mindestens 671 Personen bekannt. Das tragische Schlüsselereignis für die heutige Kirchenasyl-Bewegung sei der 1983 aus dem Fenster des Gerichtssaals gesprungen und dabei gestorben ist. Der 23-Jährige war nach dem Militärputsch in der Türkei nach Deutschland geflohen war und hatte dann über ein Jahr lang in Auslieferungshaft gesessen. Als Reaktion auf seinen Suizid kam es in der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche zum ersten Kirchenasyl in der Form, wie es heute praktiziert wird. Als einige Jahre später dann das Asylrecht verschärft wurde, gründete sich 1994 die BAG Asyl. Nicht nur zum Ärger mancher Politiker, wie La Gro in Erinnerung rief. „Auch von Kirchenleitungsseite kam Gegenwind. Heute sind die Kirchenleitungen glücklicherweise auf unserer Seite.“

So war auch der Interkulturelle Beauftragte der EKHN und der Diakonie Hessen, Andreas Lipsch, bei der Gründung von „maqom“ dabei. Erst vor kurzem hat er im Namen der hessen-nassauischen Landeskirche an die Abgeordneten des Bundestags geschrieben, „dass die zunehmende Kriminalisierung von zivilgesellschaftlichem Engagement beendet werden muss und stattdessen sachorientierte und menschenrechtlich basierte Regeln gefunden werden müssen.“

Solche unmissverständlichen Worte seiner Landeskirche weiß auch Pfarrer Ulrich Schaffert zu schätzen. Weil der Pfarrer der Frankfurter Bonhoeffergemeinde und der Gemeinde Cantate Domino das Vorgehen eines Landrats im Hunsrück nicht unwidersprochen hinnehmen wollte, Kirchengemeinden zu kriminalisieren, startete er eine Online-Petition. Wie er im Gemeindezentrum der Cyriakusgemeinde erzählte, soll die von inzwischen rund zweitausend Menschen unterzeichnete Petition demnächst dem CDU Landesverband Rheinland-Pfalz übergeben werden. „Da dort jeder Kontakt mit uns verweigert wird, gehen wir am 27. Mai einfach zum Büro.“

Mehr lesen: Interview mit Ulrich Schaffert zur Online-Petition gegen die Kriminalisierung des Kirchenasyls


Autorin

Doris Stickler 46 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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