Politik & Welt

Ukraine: Nächstenliebe kostet was

Den Ukrainern Gewaltlosigkeit zu empfehlen, wäre zynisch. Auf uns passt jetzt eher die Geschichte vom barmherzigen Samariter: Wir müssen helfen.

Prodekanin Amina Bruch-Cincar  Foto Tamara Jung-König
Prodekanin Amina Bruch-Cincar Foto Tamara Jung-König

Während flüchtende Frauen und Kinder inzwischen zu Tausenden auch in Frankfurt und Offenbach ankommen, erschöpft und traumatisiert, nehmen Christinnen und Christen Stellung. Auf Demonstrationen und Kundgebungen, beim Geldsammeln für Hilfe in der Ukraine, indem sie sich bereit erklären, anzupacken oder Wohnraum zur Verfügung stellen. In Gebetskreisen formulieren Gläubige ihre Sorgen und richten ihre Bitten an Gott.

Aber was will Gott? Wo steht Gott in diesem Krieg zweier Länder mit christlich-orthodoxer Bevölkerung? Welche Orientierung kann der Glaube in dieser Situation bieten?

Wladimir Putin führt einen Eroberungskrieg – gegen alle Regeln des Völkerrechts, gegen internationale Verträge, die er selbst unterschrieben hat. Das Recht des Stärkeren setzt sich durch und braucht keine Argumente, solange der Nachschub an Waffen gesichert ist. Putin tut es, weil er es kann.

Feindesliebe hat Jesus gepredigt, halte die andere Wange hin, wenn dich einer schlägt. Doch aus dem Nato-gesicherten Deutschland steht es uns nicht zu, der Ukraine Gewaltlosigkeit zu empfehlen. Das wäre zynisch. Das Recht auf Selbstverteidigung begrenzt die Macht des Stärkeren und weist ihn in die Schranken.

Frieden zu schaffen ohne Waffen, das kann man sich nur selbst vornehmen, aber keinem anderen raten. Man denke an den gewaltlosen Widerstand gegen das chinesische Regime am Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989, der in einem entsetzlichen Massaker ein brutales Ende gefunden hat. Will sagen: Die andere Wange hinzuhalten empfiehlt sich nur, wenn es die eigene ist.

Erneut: Was will Gott? Von uns? Hier in Deutschland. Wo wir keinen Krieg haben und ungestört unserem Alltag nachgehen können. Auf uns passt doch viel besser die Geschichte, die Jesus vom barmherzigen Samariter erzählt hat, der den Hilfsbedürftigen nicht liegen lässt, sondern sich kümmert, ihn verbindet und transportiert und sogar für die Unterkunft bezahlt. Er investiert Zeit und Geld, weil er sich in der Verantwortung weiß. So wird er dem Überfallenen zum Nächsten.

Nächstenliebe ist Liebe, die man sich etwas kosten lässt, denn die gibt es nicht umsonst! In der Passionszeit wird sie wieder erzählt – die Geschichte von der Liebe Jesu, die auch dann nicht nachlässt, wenn es mühsam wird.

Also rücken wir ein bisschen und machen Platz. Drehen die Heizung etwas herunter und fahren, wenn möglich, statt mit dem Auto eben mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Bald werden viele ukrainische Kinder in unseren Grundschulen ankommen und Deutschunterricht brauchen. Bald benötigen viele Familien günstigen Wohnraum, auch dann noch, wenn die erste Welle der Hilfsbereitschaft abgeebbt ist und gerade in Frankfurt günstige Mietwohnungen knapp sind. Es wird nicht leichter.

Ich möchte darauf achten, dass Nächstenliebe eine Christenpflicht ist. Altmodisches Wort, nicht wahr? Aber es erinnert mich daran, dass die Nächstenliebe keinen Spaß machen muss. Dass sie keiner heroischen Schwärmerei entspringt, sondern der schlichten Tatsache, dass ein Menschengeschwister Not leidet.

Da ist es übrigens egal, welche Hautfarbe dieser Mensch hat oder ob es sich dabei um eine Person russischer Herkunft handelt. Es bleibt dabei: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.


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Amina Bruch-Cincar ist Pfarrerin in der Gustav-Adolf-Gemeinde in Offenbach und Kolumnistin des EFO-Magazin.

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